Levasseur PL-8 im Atlantik verschollen

Seiten

Um 5:17 Uhr morgens setzt sich die fünf Tonnen schwere PL-8 in Bewegung. Die Kameras der Wochenschauen kurbeln mit. Nach 800 Meter Rollstrecke und einem kurzen Luftsprung fliegt der »Weiße Vogel« und gewinnt mühsam an Höhe. Über der Seine wird das Fahrwerk abgeworfen – bis heute das einzige greifbare Relikt der PL-8, präsentiert in Le Bourget. Ein skurriles Exponat, dem die Aura des Verhängnisses anhaftet. Knapp fünf Stunden nach dem Start wird sie ein letztes Mal über der irischen Küste gesichtet. Die Wetterprognose stellt sich jetzt als falsch heraus: Gegenwind! Dann entschweben Nungesser und Coli dem europäischen Kontinent für immer …

Vergebliches Warten

Erstaunliches geschieht tags darauf beiderseits des Nordatlantiks. In Paris feiern die Menschen, nachdem ein paar Pariser Zeitungen am Abend des 9. Mai vorschnell die triumphale Ankunft ihrer Helden im Hafen von New York gemeldet haben. Zur selben Zeit (an der amerikanischen Ostküste ist es noch nachmittags) warten Tausende von New Yorkern im Battery Park auf just dieses Ereignis – das nie eintreffen wird. Die Falschmeldung wird eine der fettesten »Zeitungsenten« des 20. Jahrhunderts.

New York hängt im Nebel. Als es dunkel wird, macht sich an der Battery die Ahnung eines tödlichen Verhängnisses breit. Die Tanks des »Weißen Vogels« müssen jetzt leer sein … Die Suchaktion, die am nächsten Tag in Gang kommt, ist gewaltig und dauert wochenlang. Aber wo überhaupt suchen? In der Zwischenzeit kommt Lindbergh nach einsamen 33,5 Stunden, mitten in der Nacht, in Le Bourget an. Jetzt beherrscht er die Schlagzeilen.

Wie ein Gespenst geistert der »Weiße Vogel« durch die Medien. Am Morgen des 9. Mai will eine Handvoll Leute die Maschine über Neufundland gesehen oder gehört haben. Doch das Wetter im rauen Nordosten Amerikas war an diesem Tag miserabel: Regenschauer und leichter Schneefall. Man habe das Triebwerk im Bundesstaat Maine gefunden, heißt es schon 1930. Seit den 1980er-Jahren betrachtet man diese hügelige, einsame Gegend als letzte Adresse Nungessers und Colis. Ein schrulliger Einsiedler will am Abend des 9. Mai 1927 einen Flugzeugmotor aufheulen gehört haben.

Suche nach dem Phantom
Die Franzosen haben ihre beiden unglücklichen Atlantikflieger nie vergessen: Nördlich von Le Havre in der Normandie, wo sie französischen Boden verließen, erinnert heute ein hoch aufragendes Denkmal samt Museum an sie. Einzelpersonen und Institutionen haben sich immer wieder auf die Suche nach dem Unglücksvogel gemacht. Trotzdem bleibt der »Weiße Vogel« ein Phantom, und es gibt keinen Beweis, dass Nungesser und Coli den Kontinent überhaupt erreicht haben. Und erst jetzt macht sich wieder eine Expedition, finanziert von einem französischen Rüstungsunternehmen, nach Neufundland auf, um wenigstens den massiven Motorblock des »Weißen Vogels« im Atlantik aufzuspüren …

Von Stefan Bartmann

Seiten

Levasseur PL-8 im Atlantik verschollen - Fotos: Bildsammlung Bartmann
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Junkers J1: Die Letzte ihrer Art

In Kanada ist eine Junkers J1 ausgestellt worden. Sie gilt als das einzig erhaltene Exemplar jenes legendären fliegenden Schlachtrosses. Während der Restaurierung der... mehr >

Militär-Fliegerstation Oberschleißheim

Mit Oberschleißheim feiert jetzt einer der ältesten aktiven Flugplätze Europas seine Gründung anno 1912. Im Zentrum steht die historische Werfthalle von 1917/18. mehr >

Levasseur PL-8 im Atlantik verschollen

Im Erfolgsfall hätte Charles Lindbergh sein Geld weiterhin als Postflieger verdienen müssen. Aber die Levasseur PL-8, die im Mai 1927 Charles Nungesser und François... mehr >