Levasseur PL-8 im Atlantik verschollen

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Das »Atlantik-Fieber«
Schon 1919 gelang der Sprung über den Nordatlantik – mit einem zweimotorigen »Vimy«-Bomber, von Neufundland nach Irland. Nächste Steigerung: der Flug zwischen den Metropolen. Dem Hotelbesitzer Raymond Orteig ist die Sache 25000 Dollar wert. Das »Atlantik-Fieber«, wie es die Presse nennt, wird ein paar Wracks hervorbringen und Tote zu verantworten haben. Als erster ernsthafter Aspirant gilt René Fonck.

Doch im September 1926, beim Start auf Roosevelt Field, verwandelt sich die völlig überladene Sikorsky S-35 in einen Feuerball; ein zappeliges Filmdokument hat die Katastrophe festgehalten. Zwei Mann sterben, Fonck und sein Co-Pilot überleben. Kurz nach diesem Schock unterbreitet Nungesser dem Flugzeugfabrikanten Pierre Levasseur in Paris seine Ambitionen. Für Nungesser ist die schwierige Ost-West-Route, gegen die vorherrschende Windrichtung, eine Selbstverständlichkeit – im Alleingang. Levasseur lässt sich für das Unternehmen begeistern, besteht aber auf einem Navigator. Gewiss eine vernünftige Idee, denn Langstreckenflüge waren bislang nicht das Metier des Ex-Jagdfliegers.

Die Wahl fällt auf den 45-jährigen François Coli, ebenfalls hochdekorierter Kriegsveteran, ein fähiger Pilot und Navigator, der ein paar Mal das Mittelmeer überflogen hat. Im Krieg hat er das rechte Auge verloren, seitdem ist ein schwarzes Monokel das Markenzeichen dieses populären Fliegers. Seit 1923 hat er eigene Atlantikflug-Pläne, doch nach dem Crash des Potez-25-Doppeldeckers muss er vorn vorne anfangen. Nungessers Angebot kommt daher zur rechten Zeit.

»L’´Oiseau Blanc«, der »Weiße Vogel«, ist eine Levasseur PL-8. Ursprünglich als PL-4 für die Marine entwickelt, ist der behäbige Doppeldecker erst nach umfangreichen Modifikationen für einen Atlantikflug tauglich. Die Spannweite wird vergrößert und ein übergroßer Metallpropeller montiert. Ein abwerfbares Fahrwerk soll Geschwindigkeit und Reichweite erhöhen. Die beiden vorderen Cockpits werden durch Zusatztanks ersetzt.

Insgesamt 4000 Liter Kraftstoff müssen den wassergekühlten 12-Zylinder von Lorraine-Dietrich mit seinen 450 PS mehr als 40 Stunden lang am Laufen halten. Im New Yorker Hafenbecken soll der »Weiße Vogel« auf seinem wasserdicht versiegelten Rumpf landen. An der Rumpfwand prangt Nungessers gruseliges »Wappen«, das er sich schon im Krieg zugelegt hatte …

Im April 1927 sterben Noel Davis und Stanton Wooster in den Trümmern ihrer zweimotorigen »American Legion«; auch sie wollten nach Paris. In San Diego fliegt der 25-jährige Charles Lindberghs seine »Spirit of St. Louis« ein; er wird sich als Joker erweisen, mit dem niemand rechnet. Nungesser und Coli, die Presse auf den Fersen, lassen sich nicht drängeln und warten geduldig die Schlechtwettergebiete über dem Atlantik ab. Am 8. Mai 1927 wird es ernst. Mit einer einzigen Geste stellt Nungesser seine Verhältnisse klar: Er wirft seine letzten Münzen in die gaffende Menge.

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Levasseur PL-8 im Atlantik verschollen - Fotos: Bildsammlung Bartmann
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