Zweites Leben für Rarität

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Dann, am 2. November 2010, wurde das Hauptteil des Rumpfes relativ problemlos geborgen. Lediglich die Reifen blieben am Grund des Sees zurück – die aus einer Legierung bestehenden Felgen hatten sich zersetzt. Mithilfe von Luftkissen hob man das Wrack aus einer Tiefe von 73 Metern und schleppte es langsam in den Hafen von Waukegan.
Dort wartete schon Chuck Greenhill, als am 8. November die F4U-1 vorsichtig Zentimeter für Zentimeter angehoben wurde, damit das Wasser abfließen konnte. Dann setzte man die Maschine auf einer Plane ab. Kanthölzer in den Fahrwerkverriegelungen stellten sicher, dass die Fahrwerke nicht einklappten. Auch das hintere Rumpfteil wurde mit einigen weiteren Kanthölzern abgestützt.
Noch bevor das Wasser ganz abgelaufen war, wurde eine Trittleiter ans Cockpit gestellt, Chuck Greenhill stieg ein und fand die passenden Worte: »Ich wollte die F4U-1 nicht in der Geschichte untergehen sehen, deshalb tat ich alles, was notwendig war, sie wieder hier nach oben zu bringen.«
Wie ließ sich die Corsair am besten transportieren? Die Fachleute von A&T Recovery befanden, dass es am besten sein würde, den Motor auszubauen und den Rumpf an einem konstruktionsbedingten Verbindungspunkt unmittelbar hinter dem Cockpit zu trennen. Obwohl alle Stahlschrauben mit einer dicken Korrosionsschicht überzogen waren, konnten diese doch leicht abgeschlagen werden. Mit einigen Spritzern Kriechöl ließen sich fast alle Schrauben und DZUS-Verschlüsse mit dem Schraubenschlüssel beziehungsweise -dreher lösen.
Bei den ersten Begutachtungen fielen sofort einige Details auf. Die äußeren Flügel waren mit Spannlack beschichtetem Leinen überzogen. Die Querruder bestanden aus hölzernen Rippen, Sperrholz und hatten ebenfalls eine Bespannung aus mit Spannlack beschichtetem Leinen. Die Stoffbespannung war natürlich vermodert, deswegen – und auch nachdem man die Zugangsdeckel abgenommen hatte – konnte man erkennen, dass alles mit der von Vought beim Bau der F4U-1 benutzten »lachsfarbenen« Chromatgrundierung behandelt worden war. Außerdem war das Cockpit mit grüner Bronze übersprüht worden. Unter den Waffenraumabdeckungen schlummerten noch alle MGs, allerdings ohne Munition.
Um an die Verbindungsstelle hinter dem Cockpit zu gelangen, mussten erst Sitz und Panzerplatte und anschließend Funkaus­-rüstung und Batterie ausgebaut werden. Dann waren die kreisförmig angeordneten Schrauben zugänglich, mit denen die bei-den Rumpfabschnitte verbunden sind. Das Trieb­werk vom Typ Pratt & Whitney R-2800-8 ließ sich nach Entfernen der Abdeckungen ebenfalls problemlos ausbauen. Dann wurden Schläuche und Kühlleitungen gelöst und die Motoraufhängungen abgeschraubt. Am Ende des Tages war der Pratt & Whitney ausgebaut. Auch hier schien jedes Bauteil mit der lachsfarbenen Grundierung behandelt worden zu sein.
Inzwischen ist die F4U-1 in ihrem neuen Zuhause im Marineflieger-Nationalmuseum in Pensacola, Florida. Dort wird sie in ih-
ren früheren Zustand versetzt – und damit die erste vollständige und originale F4U-1 »Birdcage«-Corsair sein!
Mark Sheppard/Markus Wunderlich

Mein Dank gilt Taras Lyssenko und dem gesamten Team von A&T Recoveries sowie Carl Johnsons Schwester Evelyn Simeone und dessen Neffen Peter Simeone für ihre wertvolle Hilfe.

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Zweites Leben für eine Rarität (Fotos, soweit nicht anders angegeben, Mark Sheppard)
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