Junkers Ju 88 - Teil 1: Das Arbeitspferd der Luftwaffe

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Vorarbeit bei Junkers
Bei den Junkers Flugzeug und Motorenwerken (JFM) hatte man sich schon im Vorfeld mit einem 500 km/h schnellen, schlanken zweimotorigen Kampfflugzeug in Ganzmetallbauweise befasst und entsprechende Entwürfe zu Papier gebracht, die sehr bald eingereicht werden konnten. Zwar gab es Differenzen hinsichtlich Bombenzuladung und Größe des EF 59 genannten Entwurfs, doch konnte nach Attrappenbau und positiver Besichtigung durch RLM-Beauftragte mit den Konstruktionsarbeiten zur künftigen Ju 88 begonnen werden. Die Frage, ob ein Endscheibenleitwerk, das für einen wahrscheinlich Ju 85 genannten Entwurf geplant war, oder einfaches Seitenleitwerk die bessere Wahl wäre, entschied sich zugunsten der Einzelausführung noch im Attrappenstadium.

Unter der Federführung von Ernst Zindel, dem Konstruktionsdirektor bei Junkers, wurde daraufhin Anfang 1936 mit der konstruktiven Umsetzung des genannten Entwurfs begonnen. Zur Verstärkung des überlasteten Konstruktionsbüros wurden die vormals bei Fairchild in den USA beschäftigten Ingenieure Alfred Gassner (Österreicher) und Heinrich Evers (US-Amerikaner) eingestellt, die in der älteren Literatur immer wieder als Haupt-Konstrukteure der Ju 88 genannt werden. Tatsächlich waren die beiden als Typenleiter und Betreuer für die termingerechte Durchführung der Detailkonstruktion der Ju 88 beschäftigt.

Erstflug
Schon am 21. Dezember 1936 konnte Flugkapitän Karl-Heinz Kindermann das erste Versuchsflugzeug, Ju 88 V1 (W.Nr. 4941), von der Bahn ziehen, angetrieben von zwei Daimler-Benz DB 600-Reihenmotoren mit je 1000 PS Startleistung. Die Flugeigenschaften waren insgesamt befriedigend, wenngleich noch etliche Änderungen notwendig waren. Am 10. April 1937 startete das zweite Versuchflugzeug (W.Nr. 4942, D-ASAZ) zum Jungfernflug. Wie die V1, war auch die V2 unbewaffnet und mit DB 600 motorisiert.

Die Ju 88 V3 (W.Nr. 4943, D-AREN) stieg erstmals am 13. September 1937 auf und war endlich mit hauseigenen Junkers Jumo 211 A-V-12-Reihenmotoren mit Zweiganglader und je 1000 PS Startleistung ausgerüstet.

1937 kam es insbesondere durch den Chef des Technischen Amtes, Ernst Udet, zur Anforderungsverlagerung. Verlangt wurden nun wesentlich höhere Abwurf­last, Sturzflugfähigkeit, ein viertes Besatzungsmitglied, Sichtkuppel mit planen Scheiben sowie Maschinengewehre zur Abwehr. Die bisher für den Horizontalbombenwurf konzipierte Ju 88 musste noch einmal überarbeitet und vielfach verstärkt werden, was natürlich auf Kosten von Gewicht und Geschwindigkeit ging. In einem ersten Schritt wurde die neue Linie mit dem vierten Versuchsflugzeug, V4 (D-ASYI, W.Nr. 4944), praktisch umgesetzt.

Auf Rekordflug
Mit der über 500 km/h schnellen V3 sollte am 25. Februar 1938 der Geschwindigkeits-Weltrekord mit 2000 kg Nutzlast über eine Strecke von 1000 km erflogen werden. Nach Ausfall eines Motors endete die Landung durch unglückliche Umstände mit dem Brand der V3. Die Besatzung Ernst Limberger und Carlfriedrich Schonnefeld kam dabei ums Leben.

Mit der am 13. April 1938 zum Erstflug gestarteten V5 (W.Nr. 4945) ging man erneut auf Rekordjagd. Die V5 war ähnlich der V3 ausgelegt und aerodynamisch überarbeitet. Als Antrieb dienten zwei Jumo 211 B mit Einspritzanlage und je 1220 PS Startleistung. Am 19. März 1939 erflogen Ingenieurpilot Ernst Seibert und Diplom-Ingenieur Kurt Heintz mit 2000 kg Nutzlast über 1000 km eine Durchschnittsgeschwindigkeit von beachtlichen 517 km/h und am 30. Juni 1939 über 2000 km 501 km/h. Beide Flüge wurden von der FAI als Weltrekorde anerkannt.

Die Arbeiten am regulären Ju 88-Einsatzmuster waren inzwischen vorangeschritten, die an den Konkurrenzentwicklungen Messerschmitt Bf 162 (abgeleitet von der Bf 110) und Henschel Hs 127, beide kleiner und schneller als die Ju 88, wurden zugunsten der Junkers-Konstruktion eingestellt.

Großserienproduktion
Im September 1938 lief die Produktion der Vorserienversion Ju 88 A-0 an, als Mustermaschine diente das sechste Versuchsflugzeug, die Ju 88 V6 (D-ASCY, W.Nr. 4946). Die Großserienproduktion begann Mitte 1939 mit der A-1. Da die Ju 88 mit überlegenen Leistungen aufwarten konnte, plante man, die Dornier Do 17, Heinkel He 111 und Ju 86 nach und nach durch Ju 88 zu ersetzen und sie zum Standardkampfflugzeug der Luftwaffe zu machen. 8300 Maschinen sollten bis März 1943 gebaut werden. Eine Zahl, die realistischerweise schon bald nach unten hin korrigiert werden musste.

Konstruktion und Ausstattung
Der Rumpf des neuen Kampfflugzeuges war in Ganzmetall-Schalenbauweise mit verglaster Bugkanzel und dahinter aufgesetzter, verglaster Besatzungsraum-Abdeckung ausgeführt. Unterhalb des Vorderrumpfes vergrößerte eine nach rechts versetzte Liegewanne den Kabinenbereich.
Die freitragenden zweiholmigen Flächen mit Warmluftenteisung wiesen über drei Fünftel ihrer Länge Landeklappen und daran anschließende Querruder auf. Im Bereich des Vorderholmes der äußeren Flächen waren die gitterartigen Sturzflugbremsen montiert.

Zwei Junkers Jumo 211-Motoren mit jeweils 1175 PS Startleistung übertrugen ihre Kraft auf Dreiblatt-Verstellluftschrauben der Ju 88 A-1. Ringkühler für Öl- und Kühlflüssigkeit sorgten für vertretbare Tempe­ratu­ren. Der Kraftstoff schwappte in vier selbst­dichtenden Flächentanks mit zusammen 1680 Liter. Zusätzlich konnte anstatt der Bombenmagazine in die beiden Bombenräume ein 1220 l- be- ­zieh­ungsweise 680 l-Behälter eingebaut werden. Außerdem verhalfen unter den Innenflächen montierbare abwerfbare Zusatztanks unter­schied­­licher Größe zu mehr Reichweite.

Das Hauptfahrwerk wur­de hydraulisch um 90 Grad gedreht nach hinten vollständig in die Motorgondeln eingezogen. Das Spornrad ließ sich komplett verkleidet in den Rumpf einziehen.

Als Abwehrbewaffnung bekam die erste Serienversion A-1 lediglich drei Rheinmetall-Maschinengewehre MG 15, Kaliber 7,92 mm. Eines, bedient vom Beobachter und Bombenschützen, befand sich im Führerraum, montiert in der rechten Frontscheibe (A-Stand). Es konnte in eingerastetem Zustand auch vom Piloten betätigt werden. Der Munitionsvorrat belief sich auf 375 Schuss. Ein zweites MG 15 im rückwärtigen Kabinenraum (B-Stand) mit 600 Schuss wurde vom Funker bedient und deckte den Angriffsraum nach hinten oben ab. Das dritte MG 15 (450 Schuss), nach hinten unten gerichtet, war in der Bodenwanne montiert und wurde vom Fliegerschützen in liegender Position bedient. Bei Start und Landung saß der Schütze hinter dem Beobachter auf einem Klappsitz. Bestiegen wurde die Ju 88 über eine Klappe im C-Stand.

An Abwurflast waren in zwei Bombenräumen maximal 1400 kg (18 x und 10 x 50-kg-Bombe) und extern an ETC-Trägern unter den Innenflächen bis zu 2000 kg möglich. Insgesamt konnten maximal 2400 kg an Bomben und Luftminen unterschiedlicher Größe mitgenommen werden. Für den Bombenwurf im Sturzflug diente dem Flugzeugführer ein hinter der Windschutzscheibe angebrachtes Visier. Für den horizontalen Bombenwurf benutzte der Bombenschütze ein Lotfernrohr 7 (Lotfe 7) als Zieleinrichtung.

Kleinserien A-2 und A-3
In sehr geringer Stückzahl wurde die Version A-2 mit vier MG 15 und Zusatzausrüstung zur Starthilfe gebaut und entsprach ansonsten der A-1.
Zur Flugzeugführerausbildung diente die Ju 88 A-3 mit Doppelsteuer sowie zusätzlicher Instrumentierung und Ausrüstung.

A-5 mit vergrößerter Spannweite
Um die Zuladung erhöhen zu können, wurde für das geplante Nachfolgemodell A-4 die Spannweite auf 20,08 Meter erhöht. Einige Flugzeuge erhielten wohl 19,95 Meter spannende Flächen.

Da der leistungsstärkere Jumo 211 J noch nicht verfügbar war, kam vor der A-4 zunächst die Serienausführung A-5 in die Fertigung. Als Defensivbewaffnung erhielt die A-5 serienmäßig fünf MG, wobei der B-Stand durch ein zweites MG 15 verstärkt und auch die Bugkanzel mit einem Maschinengewehr bestückt wurde. Schon die A-1-Maschinen waren bei der Truppe teilweise mit zusätzlichen MG in den hinteren Seitenfenstern ausgerüstet worden.

Meistgebaute Serie A-4
Ab Sommer 1940 ging mit der von Grund auf überarbeiteten und fertigungstechnisch optimierten Ju 88 A-4 die meistgebaute 88-Variante in Produktion. Als Antrieb diente überwiegend der Jumo 211 J mit 1420 PS Startleistung. Außerdem ersetzte man die MG 15 durch MG 81 von Mauser desselben Kalibers.

Der hintere Bereich der Kanzel wurde durch zwei nach außen gehende Wölbungen erheblich erweitert, was für mehr Bewegungsspielraum, insbesondere Kopffreiheit sorgte. Panzerplatten brachten mehr Schutz für die Besatzung. In der Bugverglasung konnte zusätzlich ein schweres 13-mm-MG 131 installiert werden.

Die mögliche Abwurflast stieg auf 3400 kg, das Abfluggewicht bei Überlast lag bei 14 Tonnen. An den Außenflügeln neben den Motorgondeln angebrachte abwerfbare Startraketen dienten zur Startwegverkürzung.

Spätere A-4-Ausführungen erhielten ein Zwillings-Maschinengewehr MG 81 Z im C-Stand. Ältere Maschinen ließen sich entsprechend nachrüsten.

Ju 88 A-6
Auf Basis der A-5 entstand die Variante A-6 mit an Flächen und Rumpf befestigtem 400 kg schweren Sperrballonkabel-Abweiser. Zum Ausgleich musste im Heck ein 80 kg-Gewicht untergebracht werden. Die Konstruktion schluckte 30 km/h, bewährte sich jedoch nicht.

Einsatz 1939 bis 1941/42
Am Feldzug gegen Polen waren keine Ju 88 beteiligt. Ab Ende September 1939 flogen Ju 88-Bomber mit wechselndem Erfolg gegen britische Schiffsziele in der Nordsee. Gegen Frankreich war die Zahl von Ju 88 in den Einheiten schon beträchtlich gestiegen. In nennenswerter Zahl griffen Ju 88 erstmals im Mai/Juni 1940 über Dünkirchen ein. Gegen das Britische Königreich, in der so genannten Battle of Britain, der Luftschlacht um England, im Sommer 1940, waren auch Ju 88 in großer Zahl beteiligt. Dabei zeigte sich gegen die verbissen kämpfenden britischen Jagdflieger in ihren Hurricane und Spitfire in erschreckender Weise die völlig unzureichende Abwehrbewaffnung des Junkers-Bombers, was rasch zum Einbau von zusätzlichen Maschinengewehren führte. Mitte September 1940 war gut ein Drittel der Kampfverbände mit Ju 88 A ausgerüstet, was etwa 530 Maschinen ausmachte. Noch war die Heinkel He 111 in geringfügig größerer Zahl vertreten. Mit Do 17 Z waren dagegen nicht einmal halb so viele Besatzungen ausgerüstet.

Im November 1940 begannen Ju 88-Einheiten der Luftwaffe Einsätze gegen britische Stützpunkt-Einrichtungen auf Malta und Nordafrika sowie Schiffe im Mittelmeer zu fliegen. Im Frühjahr 1941 wurden Ju 88 bei der Einnahme von Jugoslawien und Griechenland herangezogen und anschließend auch im Kampf gegen die Sowjetunion eingesetzt, wo die deutschen Bomber zunächst nicht in dem Maße von Jägern bedrängt wurden, wie dies an der Westfront der Fall war.

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