Ein Münchner am Himmel

Seiten

Fliegerkollegen raten vom Start ab
Der 18. Juni ist ein Samstag, und das provisorische Flugfeld wird von einer dichten Menschenmenge umlagert. Nachmittags um vier Uhr hätte die Veranstaltung eigentlich beginnen sollen, doch die Böen lassen keinen Flug zu. Die Zuschauer werden zunehmend unruhig, man beginnt zu pfeifen, als handle es sich um ein schlechtes Theaterstück.
Robl, der den Flirt mit dem Publikum kennt, ist nervös, doch er scheint die Leute nicht enttäuschen zu wollen. Sein Mechaniker will ihn hindern, und auch andere Fliegerkollegen raten ab … vergebens. So entschließt er sich am Abend zum Start und lässt den Gnôme-Rotationsmotor anwerfen. Der leistet nur 50 PS – das reicht kaum, um den leichtgewichtigen Farman-Doppeldecker bei Windstille in der Luft zu halten. Nach kurzer Rollstrecke kommt Robl tatsächlich frei. Ein Foto zeigt die Maschine kurz nach dem Abheben, als eine jähe Böe unter die rechten Tragflächen greift. Der Pilot hat Mühe, die Maschine aus haarsträubender Schräglage wieder aufzurichten.
Robl lässt die Maschine in einer leichten Kurve auf rund 100 Meter steigen und umkreist die westliche Seite des Flugfeldes. Niemandem bleibt verborgen, wie stark der Doppeldecker in diesen zwei Platzrunden von Böen geschüttelt wird. Nach wenigen Minuten drückt er die Farman steil an, scheinbar um schnell wieder auf den Boden zu kommen, aber er fängt sie nicht mehr ab. Eine der langen Holzkufen am Fahrwerk gräbt sich in die Erde: »Der ganze Apparat wurde wie ein Kreisel herumgeschleudert und brach mit einem kanonenschussartigen Knall in sich zusammen«, wie es später in einer zeitgenössischen Schilderung des Unglücks heißt.
Thaddäus Robl, der wohl schon vor dem Aufschlag aus der Maschine geschleudert worden war, liegt neben den Trümmern, bewusstlos und mit gebrochenem Genick. Er kommt nicht wieder zu sich. Er ist unangeschnallt geflogen, was seinerzeit durchaus üblich war. Das Flugmeeting wird abgebrochen, Fahnen senken sich auf Halbmast. Der Unfall macht Schlagzeilen in ganz Europa, und wie so oft bei Flugunfällen widersprechen sich die Schilderungen der Augenzeugen in entscheidenden Punkten. Auch von fehlenden Absperrungen ist die Rede: Robl habe bei seinem steilen Anflug die vordrängenden Zuschauer und Soldaten auf dem Flugfeld nicht gefährden wollen.
Ein Jahrhundert nach Robls letztem Flug kümmern sich die Münchner Radsport-Enthusiasten Walter Lemke und Martin Schreck vom »Freundeskreis Thaddy Robl« um sein Andenken – in Form einer akribisch recherchierten Ausstellung, die ein paar Monate lang in der historischen Flugwerft Schleißheim Station machte. Der jähe Tod des populären Sportsmanns erschütterte damals nicht nur die Radsportgemeinde. Entsprechend groß war die Anteilnahme der Münchner, als ihr »Thaddy« Robl auf dem Alten Südfriedhof beigesetzt wurde, wo sich noch heute sein Grab befindet. Zudem ist eine Straße in München nach ihm benannt. Sein Wunsch, einmal sein geliebtes München im Aeroplan zu überfliegen, blieb unerfüllt.
Stefan Bartmann

Seiten

Thaddäus Robl (Fotos Bildsammlung Martin Schreck und Walter Lemke)
Weitere Themen aus dieser Rubrik

Ein Münchner am Himmel

In den Annalen der Luftfahrt hat sich sein Name nicht allzu tief eingeprägt, denn seine Karriere als Aviatiker währte nur wenige Monate. Ein Umstand jedoch verdient in... mehr >