In Weltrekordzeit über den Atlantik

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Ein großer Wurf: die Fw 200
Kurt Tank war der Mann, der der Konkurrenz davoneilte: Unter seiner Regie entstand bei der Focke-Wulf-Entwicklungsabteilung in der Rekordzeit von nur einem Jahr und elf Tagen ein viermotoriges Verkehrsflugzeug für 25 Passagiere, für dessen Konstruktion Wilhelm Bansemir verantwortlich zeichnete. Vorangegangen war ein Gespräch zwischen Tank und dem Technischen Leiter der DLH, Rudolf Stüssel, der Tanks Vorstellungen von einem Langstrecken-Flugzeug mit großem Interesse aufgenommen und einen entsprechenden Auftrag erteilt hatte. Schon nach dem Erstflug am 27. Juli 1937 stand fest: Mit der »Condor« war ein großer Wurf gelungen. Um dies so schnell und eindrucksvoll wie möglich an die Öffentlichkeit zu bringen, plante man eine Reihe von Aufsehen erregenden Flügen.

Sprung über den »Großen Teich«
Mit Kurt Tank am Steuer fand schon Ende Juni der turbulente Flug Berlin – Kairo – Berlin mit der Fw 200 A-01, D-ADHR, samt Passagieren an Bord statt. Als nächstes sollte der Sprung über den »Großen Teich« folgen*. Da für den Atlantikflug offiziell die Lufthansa verantwortlich war, konnte Tank zu seinem großen Leidwesen dieses Mal nicht dabei sein.
Um die mehr als 6000 Kilometer lange Strecke von Berlin nach New York im Direktflug bewältigen zu können, waren umfangreiche Vorbereitungen und Änderungen am Flugzeug notwendig. Man speckte die Maschine gehörig ab und baute im Rumpf zusätzliche Treibstofftanks ein, deren Inhalt in die Flächentanks gepumpt werden konnte. Auch erhielt diese umgebaute Fw 200 V1 ein neues Kennzeichen – aus der D-AERE wurde die D-ACON.

Die Besatzung für diesen spektakulären, prestigeträchtigen Langstreckenflug bestand aus Lufthansa-Flugkapitän Alfred Henke und Hauptmann Rudolf Freiherr von Moreau als zweiter Flugzeugführer. Als Oberflugzeugfunker waren Walter Kober, als Oberfunkermaschinist Paul Dierberg mit an Bord.

Am 10. August um 20.05 Uhr war es dann soweit: Die vier je 720 PS starken BMW 132-Sternmotoren heulten auf und ließen die mit gut 10000 Liter Sprit betankte Viermot auf der langen Bahn von Berlin Staaken abheben. Über die Hamburger Übersee-Funkstation Quickborn hielt die Focke-Wulf-Mannschaft in Bremen per Fernschreiber mit der D-ACON-Besatzung Kontakt. Bei zum Teil stürmischem Wetter und wie üblich straffen Gegenwinden von bis zu 80 km/h kämpfte sich die schlanke Condor immer weiter Richtung Westen voran. Um 19.00 Uhr meldete die D-ACON ihre Position mit 300 Seemeilen nordöstlich von Boston, die Flughöhe betrug 2000 Meter. Ab 20 Uhr gab die Crew durch: Landung in New York zwischen 20.55 und 21.04!

Weltrekordzeit
Das hatte die Welt noch nicht gesehen: Nach 24 Stunden 36 Minuten und 12 Sekunden war es so weit, trotz Gegenwind und ohne Zwischenlandung hatte die D-ACON die 6371 km lange Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 255,499 km/h bewältigt. Die hoch erfreute Condor-Besatzung blickte in freundliche und erstaunte amerikanische Gesichter. Rundfunk und Presse zeigten weltweit höchstes Interesse. Mit der Landung auf dem New Yorker Floyd Bennet Field am 11. August 1938 um 20.41 Uhr war der erste Nonstop-Atlantiküberflug eines landgestützten Langstrecken-Verkehrsflugzeugs geglückt und ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Verkehrsluftfahrt gelegt. 

Die ursprünglich geplante Weltumrundung ließ man fallen, da Howard Hughes in einer Lockheed L-14 mit einem 23612 km langen Weltflug im Juli 1938 bereits für Furore gesorgt hatte Am 13. August um 14.06 Uhr MEZ trat die Fw 200 den Rückflug an, der aufgrund der westlichen Winde mit 19 Stunden und 55 Minuten noch weitaus schneller von statten ging. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug diesmal beachtliche 320,92 km/h. In Berlin wurden die Atlantik-Flieger begeistert empfangen. 12763 km in einer Gesamtflugzeit von 44:31 Stunden lagen hinter ihnen. Als Flugwegrekorde 2. Kategorie wurden die Flüge von der Fédération Aéronautique International anerkannt.

Wirklich vorgesehen war die Fw 200 zwar für eine derartige Strecke nicht, vielmehr sollte sie auf Langstrecken bis 1500 km eingesetzt werden, für weitere Entfernungen wurde später die Fw 300 geplant. Doch zeigte der Rekordflug eindrucksvoll die Möglichkeiten der Fw 200 und die flugzeugtechnisch hohe Entwicklungsstufe in Deutschland auf – für Focke-Wulf eine großartige Werbung. Zumal die D-ACON trotz erweiterter Kraftstoff-Kapazität tatsächlich 15 Fluggäste über den großen Teich hätte befördern können. Leider machte der Zweite Weltkrieg derartige Möglichkeiten für die deutsche Luftfahrtindustrie für lange Zeit zunichte. Der tatsächliche Beginn des Transatlantik-Flugverkehrs Anfang der 1950er-Jahre fand ohne die deutschen Flugzeugbauer statt.
Von Herbert Ringlstetter

 

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Klassiker: Focke-Wulf Condor (Fotos Lufthansa)
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