Zweites Leben für Rarität

Ein angehender Jagdflieger versenkte sie einst im
Michigansee, fiese Muscheln drohten einer seltenen »Birdcage«-Corsair den Garaus zu machen. Wir verraten, wie es zu ihrer Rettung kam. Von Mark Sheppard/Markus Wunderlich

Das Jahr 1943 im Pazifik: Die US-amerikanischen Streitkräfte drängen die Japaner Insel für Insel zurück. Ein Jahr zuvor erlitten die Truppen des Kaisers in der Schlacht um Midway eine schwere Schlappe. Die amerikanische Rüstungsindustrie stößt inzwischen Unmengen an Panzern, LKW und Flugzeugen aus. Piloten werden gebraucht, und zwar viele. In den USA wird geschult auf Teufel komm raus.
So auch auf dem Marinefliegerstützpunkt NAS Glenview. Dort startet am 12. Juni 1943 gegen 16:00 Uhr Ensign (Ens., Fähnrich) Carl Harold Johnson USNR mit der F4U-1 Corsair Bu.Nr. 02465 »F-21«. Etwa zur gleichen Zeit drehte die USS Wolverine – ein Hilfsflugzeugträger für Ausbildungszwecke – in den Wind, bevor um 17:06 Uhr der Flugbetrieb über dem Michigansee begann. Während des zurückliegenden Monats hatte Ens. Johnson mit der F4U-1 geübt und mehrere Trägerlandeübungen durchgeführt. Nun war es für Johnson Zeit, sich zu qualifizieren.
Es ist nicht klar, ob dies sein erster Versuch war, die F4U-1 auf der USS Wolverine zu landen, sein Bordbuch enthält keinen Eintrag darüber. Bekannt ist allerdings, dass die F4U-1 ihrem Spitznamen »Ensign Eliminator« (Leutnant-Killer) wieder einmal gerecht wurde. Trägerlandungen galten mit der Corsair aufgrund ihres weit hinten angeordneten Cockpits als sehr anspruchsvoll, was sich auch in den Unfallzahlen widerspiegelte. Der kraftvolle Warbird sollte auch bei Fähnrich Johnson keine Ausnahme machen. Die Unfallmeldung hat folgenden Inhalt: »Der Pilot flog normal an, verlor jedoch den Blickkontakt zum Signaloffizier, sah das Signal zum Zurücknehmen der Motorleistung nicht und entschloss sich durchzustarten. Doch zu dem Zeitpunkt, als er beschleunigen wollte, hatte der Fanghaken bereits das Fangseil Nr. 6 erfasst. Das Seil riss. Dann erfasste der Haken das Seil Nr. 7, und dieses riss den Fanghaken aus der Maschine, die nach links über das Landedeck hinausschoss und ins Wasser stürzte. Sie hielt sich noch lange genug an der Wasseroberfläche, damit der Pilot aussteigen konnte. Flugzeug samt Motor im Michigansee versunken. Bisher nicht geborgen. Unfall – Anteil der Ursache 50 % falsche Einschätzung und 50 % Verfahrensfehler.«
Auch das Logbuch der USS Wolverine enthält einen Eintrag: »17:25 Uhr. F-21 stürzte über linke Bordwand ins Wasser. Pilot Ens. C H Johnson mit nur leichten oberflächlichen Schnittverletzungen vom Bergungsboot gerettet. Flugzeug in 67 m Tiefe versunken. Markierungsboje gesetzt.«
Um fair gegenüber Ens. Johnson zu sein: Die F4U-1 war noch nicht für Trägereinsätze geeignet. Es gab Probleme mit der Sicht, dem Anflugverfahren, plötzlichem Abkippen bei niedrigen Geschwindigkeiten und durch die Federbeine verursachte Sprünge – und das alles in einem Ausmaß, dass die US Navy diesen Flugzeugtyp erst im April 1944 für den Trägereinsatz qualifizierte, nachdem die meisten dieser Probleme gelöst worden waren. Warum die F4U-1 für diese Schulung benutzt wurde – wir wissen es nicht.
Ens. Johnson kehrte bereits vier Tage später wieder ins Cockpit zurück und qualifizierte sich in einer SNJ-4C, mit der er die geforderten acht Träger-Starts und -Landungen absolvierte. Dann kam er nach Hawaii, wo er F6F-3 Hellcat bei der CASU 32 (Carrier Aircraft Service Unit 32) flog, bevor er zur VF-10 »Grim Reapers« (Sensenmann) versetzt wurde. Doch das grimmige Namensspiel dieser Einheit sollte für Johnson zur bitteren Ironie werden: Am 25. November 1943 flog Ens. Johnson eine von zwei Hellcats, die über Maui auf Hawaii in der Luft kollidierten. Dabei kam Ens. Johnson ums Leben; der andere Pilot soll sein beschädigtes Flugzeug noch sicher gelandet haben.
Ens. Johnson wurde – als einer der ersten – am 10. Januar 1949 auf dem Soldatenfriedhof »Punchbowl«, dem National Memorial Cemetery of the Pacific, auf Hawaii beigesetzt. Dort fand er seine letzte Ruhe.

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Zweites Leben für eine Rarität (Fotos, soweit nicht anders angegeben, Mark Sheppard)
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