Wrackfund im Mittelmeer - Die Messerschmitt der Ile de Bagaud

Es war ein gut gehütetes Geheimnis: Über 50 Jahre lag das Wrack einer Messerschmitt Bf 109 auf dem Grund des ­Mittelmeers. Lino von Gartzen berichtet exklusiv über eine schwierige Spurensuche.

Möwen kreischen aufgeregt am Himmel, vom Meer weht eine salzige Brise, eine Schiffssirene dröhnt. Ein paar Fischer kehren mit ihrem Boot in den Hafen von Marseille zurück und blicken neugierig zu einer Gruppe von Männern herüber, die sich mit einem scheinbar wertlosen Haufen Schrott beschäftigen. Ich als passionierter Unterwasserarchäologe könnte die Seeleute über diesen Haufen Altmetall aufklären: Hier wird gerade ein DB-601-Motor einer Messerschmitt Bf 109 verladen, die erst kürzlich aus dem Wasser gezogen wurde. Neben der lokalen Presse sind auch einige Flugzeugliebhaber und Taucher anwesend. Man plaudert über Wracks, die wohl noch im Mittelmeer liegen, unter anderem über eines in der Gegend der Inselgruppe von Hyeres, ungefähr 120 Kilometer östlich von Marseille, angeblich die Reste einer Messerschmitt. Ich bin elektrisiert, schon vor Jahren habe ich von diesem Wrack gehört. Aber nur einem kleinen Kreis von Tauchern ist die genaue Position bekannt, jedoch kann oder will sie niemand preisgeben. Verdammt, bei den Iles de Hyeres hatte ich in den letzten Jahren schon über 250 Tauchgänge gemacht! Warum weiß ich nichts über das Wrack einer Messerschmitt?

Mein nächster Urlaub in Hyeres, zwei Monate später, führt mich zum Tauchcenter Ulysse. Christoph Desix, seit über 20 Jahren Chef der Basis, kennt meine Leidenschaft für Flugzeugwracks, und so gibt es eine Woche lang nur Tauchgänge zu versunkenen Flugzeugen wie P-51 Mustang, Mystere IV Düsenjäger, Glenn Martin Bomber, Stuka. Aber eine Messerschmitt Bf 109? Keine Spur.

Mehr als nur ein Gerücht

Kurz vor dem Ende meines Urlaubs rücke ich mit meiner Frage heraus: »Bei dir um die Ecke, in der Gegend der Insel Port Cros, soll doch auch eine Messerschmitt liegen. Ich muss da unbedingt hin!« Volltreffer, Christoph kennt die »Unterwasser-109«, beziehungsweise das, was davon übrig ist: In einer Tiefe von etwa zehn Metern soll nördlich der Insel Bagaud ein Teil des Rumpfes liegen. Zudem sei noch ein ungefähr zwei Meter langes Stück der linken Tragfläche erhalten.

Das ist nicht sehr viel an aussagekräftigen Überresten, aber auf jeden Fall genug, um schnell nach Frankreich zurückzukehren. Christoph bietet mir an, eine Fahrt zu der etwas weiter entfernten Insel zu arrangieren.

Von Fischern weggeräumt

Am 29. April 2007 war ich wieder in dem kleinen Hafen von La Madrague auf der Halbinsel von Giens, der Basis von Christoph. Schnell ist das Schiff seeklar, wir legen ab. Was wird mich erwarten?

Christoph springt nahe der Küste ins Wasser und tauchte ab, um das Wrack zu suchen. Unruhig warte ich an Bord auf sein erlösendes Zeichen. Endlich, nach ungefähr 15 Minuten, tauchte er 300 Meter entfernt auf – er hat die Flugzeugteile wiedergefunden!

Sekunden später bin ich im Wasser, das Wrack nun endlich sichtbar unter mir. Die Überreste des Jagdflugzeugs liegen aufrecht auf Grund in einer Tiefe von zehn Metern und ungefähr 30 Meter vom Ufer der Insel entfernt.

Nach meinem ersten Eindruck wurden die Teile irgendwann von einem Fischer dorthin »aufgeräumt«. Vermutlich lag das Flugzeug ursprünglich im tieferen Bereich zwischen dem Festland und der Insel und hatte dort die Fischerei mit Grundnetzen behindert.

Nach meinem ersten Eindruck wurden die Teile irgendwann von einem Fischer dorthin »aufgeräumt«. Vermutlich lag das Flugzeug ursprünglich im tieferen Bereich zwischen dem Festland und der Insel und hatte dort die Fischerei mit Grundnetzen behindert.

Wo ist die Werknummer?

Leider war die für uns wichtigste Stelle des Flugzeugs nicht erhalten, das Heck. Dort findet man die Werknummer, das eindeutige Merkmal zur Identifizierung eines Flugzeugs. Sie wurde zwar manchmal auch an anderen Stellen angebracht oder eingeschlagen, dies wurde aber je nach Werk und Baujahr unterschiedlich gehandhabt. Die Suche nach dieser Nummer würde eine Demontage und Bergung mehrerer Teile erfordern. Die wenigen Überreste würden stark darunter leiden und ein Erfolg wäre nicht mal garantiert. Also mussten wir den Weg über den Ort und die Zeit des Absturzes gehen, um etwas über die Identität des Flugzeugs herauszufinden.

Zurück in Bayern vergleichen wir die Fotos mit den Teilelisten und Handbüchern der Messerschmitt Bf 109. Wir liegen mit meiner Vermutung richtig, wollen aber das Muster genau eingrenzen. Handelt es sich um eine »F« oder »G«? Beide Versionen waren bei der Jagdgruppe Süd im Einsatz.

Den Ausschlag gibt schließlich die kleine runde Öffnung in der vorderen linken Bordwand des Cockpits: Sie ist nur bei der »F«-, nicht aber bei der »G«-Version der Bf 109 zu finden: Bei dem Rumpffragment nördlich der Ile de Bagaud handelt es sich tatsächlich um eine Messerschmitt Bf 109 der »F«-Reihe.

Hilfe von allen Seiten

Die Recherche zu dem eingangs erwähnten geborgenen Motor führte zu einer umfangreichen Dokumentsammlung über abgestützte Flugzeuge in Südfrankreich. Philippe Castellano hat mir vor zwei Jahren seine »Liste« zur Verfügung gestellt, zusammengetragen aus verschiedensten Quellen, gewachsen und kommentiert in 20 Jahren. In diesen Unterlagen findet sich tatsächlich eine Messerschmitt Bf 109, die in der Gegend Hyeres als vermisst gilt. Die Angaben sind zudem genauer als erwartet: Messerschmitt Bf 109 F-4, Absturzort Iles de Hyeres, Inselgruppe von Hyeres – zu dieser Gruppe gehört die Ile de Bagaud.

In den Dokumenten des Militärarchivs in Freiburg war für den Zeitraum nichts Weiterführendes zu finden. Für dieses Datum existieren keine Verlustlisten, in anderen Unterlagen sind nur Abschüsse und keine Verluste verzeichnet.

Vielleicht sind ja die Aufzeichnungen der alliierten Luftstreitkräfte für den 21. Januar 1944 ergiebiger? An diesem Tag gab es einen Bombenangriff der 15th Airforce auf den Flugplatz Salon de Provence, ein Stützpunkt deutscher Jagdverbände, die hohe Verluste erlitten, mindestens vier Maschinen sind bei Luftkämpfen verlorengegangen, viele wurden beschädigt. Doch in den Unterlagen der 15th Airforce war nichts zu unserem Wrack zu finden: Die in den Dokumenten erwähnten Luftkämpfe fanden 150 Kilometer westlicher statt – kein Hinweis auf ein Luftgefecht bei Hyeres.

Guy Julien, ein Freund von Phillippe Castellano, präsentierte die Lösung: Der französische Flugzeughistoriker hat sich auf die Einsätze der 12th Airforce verlegt. Eine auf Schiffsbekämpfung spezialisierte Einheit der 12th Airforce, ausgerüstet mit B-25-Bombern, hatte an besagtem Tag einen Einsatz an der französischen Küste durchgeführt. Guy ließ mir die Dokumente über diese Truppe zukommen. Sie beinhalten einen detaillierten Bericht über den Angriff auf einen deutschen Schiffskonvoi bei einer Inselgruppe vor der südfranzösischen Küste. Demnach wurden zwei deutsche Jagdflugzeuge bei den Inseln abgeschossen: Eines von dem Bordschützen eines Bombers, das andere von einer Spitfire in amerikanischen Diensten, die Begleitschutz flog.

Zu diesem Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass unsere Forschungen abgeschlossen sind und keine weiterführenden Dokumente mehr auftauchen werden: Alles deutet bisher darauf hin, dass es sich bei dem gefundenen Wrack mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Reste des Flugzeugs von einem gewissen Rudolf Wälde handelt.

Wer war er? Welches Schicksal verbirgt sich hinter diesem Namen? Meine französischen Mitstreiter und ich beschlossen, Wäldes Familie zu informieren. Sie zeigte sich dankbar und übergab mir wichtige Dokumente über den letzten Flug von Rudolf Wälde. Darunter sind Zeugenberichte des Staffelkapitäns sowie eines Staffelkameraden. Eine von der Familie an die Wehrmacht-Auskunftsstelle gerichtete Anfrage bestätigte unsere Untersuchungen.

Nun lässt sich das Schicksal des jungen Luftwaffenpiloten nachzeichnen: Der 19-jährige Offiziersanwärter Rudolf Wälde hat seine Jagdfliegerausbildung abgeschlossen und wird Anfang Dezember 1943 zur 4. Staffel der Jagdgruppe Süd versetzt. Diese Jagdgruppe hat die Aufgabe, die neuen Piloten in zwölf Wochen auf ihre späteren Kampfeinsätze beim Jagdgeschwader 11 vorzubereiten und in die aktuellen Flugzeugmuster einzuweisen. Die Eleven sollen unter Führung der alten Hasen erste Angriffe auf feindliche Ziele durchführen und taktische Erfahrungen sammeln.

Im Winter 1943/44 sieht die Realität jedoch bereits anders aus: Die Ausbildungszeit ist auf vier Wochen verkürzt, nur wenige neue Flugzeuge stehen zur Verfügung. Alte, frontuntaugliche Flugzeuge werden mit allen Mitteln modernisiert und flugfähig gehalten.

Ein Name zu dem Wrack

Rudolf Wälde scheint zunächst vom Glück begünstigt zu sein: Der letzte, für die Jagdgruppe Süd so verlustreiche alliierte Angriff auf Marseille findet nur wenige Tage vor seiner Ankunft in Südfrankreich statt. Seine Einheit hat zudem im Dezember 13 brandneue, moderne Messerschmitt Bf 109 G-6 erhalten. Auch Rudolf Wälde erhält eine dieser Maschinen. In seinem letzten Brief schreibt er: »Habe hier eine Me 109 G6. Sehr schnell und wendig, steigt hoch hinaus!«

In den ersten drei Wochen herrscht kaum Feindaktivität in dem Gebiet der Jagdgruppe Süd. Es gibt nur wenig Einsätze und keinen Hinweis darauf, dass die 4. Staffel an Kampfhandlungen beteiligt war. So schreibt er: »Täglich ist Sitzbereitschaft, aber in unsere Jagdräume kommt der Tommy nie...«

Am 15. Dezember 1944 muss Wälde mit seiner Messerschmitt aufgrund eines Motorschadens notlanden, bleibt aber unverletzt: »Am 15.12. hatte es mich erwischt, jedoch nur die Kiste hin, ich habe in der Beziehung immer Glück...«

Doch das ändert sich: Als Ersatz erhält er eine fast drei Jahre alte Messerschmitt Bf 109 F-4. Die »Blaue 16« ist schon über ein halbes Jahr bei der Jagdgruppe Süd im Einsatz, zwei Schadensmeldungen sind dort bereits verzeichnet. Das Flugzeug ist zu diesem Zeitpunkt des Krieges bereits veraltet und den meisten auf diesem Kriegsschauplatz eingesetzten alliierten Jagdflugzeugen unterlegen.

Am Vormittag des 21. Januars ist es dann auch noch mit der Ruhe vorbei, fast gleichzeitig schlägt die US-Luftwaffe zweimal in Südfrankreich zu: Ein großer B-17 Bomberverband der 15th US Airforce mit P-38 Jagdflugzeugen als Begleitschutz ist auf dem Weg, um den Flugplatz Salon de Provence zu bombardieren. Kurz darauf wird noch eine weitere Gruppe von US-Bombern gemeldet. Sechs B-25 sind in Korsika gestartet und nähern sich nun der südfranzösischen Küste. Ihr Ziel ist ein deutscher Schiffskonvoi bei den Ile de Hyeres: ein 10000-Tonnen-Frachter mit fünf Begleitschiffen, der vermutlich von Marseille nach Genua unterwegs ist.

Die B-25 gehören zur 428th BS der 12th Airforce, spezialisiert auf die Vernichtung von Schiffen im Raum Italien und Südfrankreich. Die Eskorte besteht aus acht Spitfires des 4th FS, 52 Fighter Group. Unterstützt werden diese Einheiten durch eine Abteilung der RAF: Englische B-26 Marauder klären in der Gegend auf und melden lohnende Ziele an den Bomberverband.

Die 1. und die 2. Staffel der Jagdgruppe Süd versuchen vergeblich, den Angriff auf den Flugplatz abzuwehren, mehrere deutsche Flugzeuge werden bei diesem Einsatz abgeschossen oder schwer beschädigt. Auch für die 4. Staffel endet gegen 12.45 Uhr die Sitzbereitschaft: Alarmstart zum Schutz des bedrohten deutschen Schiffsverbandes! Acht Flugzeuge starten auf dem Flugplatz von Marseille in Richtung Hyeres, um die Bomber abzufangen. Unter ihnen ist Rudolf Wälde, auf dem Weg zu seinem ersten Feindflug – und zugleich letzten.

Von Spitfires überrascht

Die Jäger erreichen den Schiffsverband bei der Inselgruppe von Hyeres nur kurz vor den amerikanischen Bombern. Um 13.15 Uhr attackieren die Jagdflieger die B-25 in zwei Gruppen. Die erste erzielt mehrere Treffer, zwei Bomber sind schwer beschädigt, vier oder fünf Besatzungsmitglieder verwundet. Dann greift die zweite Gruppe an, Rudolf Wälde kommt den Bombern immer näher. Plötzlich, völlig unerwartet, eröffnen acht Spitfires direkt aus der Sonne kommend das Feuer auf die Deutschen. Die »Blaue 16« von Wälde wird sofort getroffen, das Flugzeug stürzt um 13.16 Uhr nördlich der Iles de Hyeres in die Tiefe, dem Meer entgegen. Wälde kann noch abspringen, seine Staffelkameraden sehen ihn am Fallschirm zirka sechs Kilometer von der Küste entfernt auf offener See landen.

Es war das letzte Mal, dass man etwas von ihm sehen sollte. Nach fünf Minuten ist der Luftkampf über den Inseln vorbei, die Bomber drehen ab. Um 14.00 Uhr, nur 40 Minuten, nachdem der Angriff auf den Schiffsverband abgewehrt wurde, beginnen die Suchaktionen. Drei Stunden lang hält ein Seenotflugzeug vergeblich Ausschau nach dem Piloten. »Da der Seegang an diesem Tag sehr stark war und eine Verwundung des Wälde nicht ausgeschlossen ist, kann man mit Sicherheit annehmen, dass er den Tod in den Wellen fand.«1 Die erste Feindberührung von Rudolf Wälde dauerte nur eine Minute. Kurz ist auch die trockene Bemerkung in den amerikanischen Unterlagen: »The escort put away another FW of a separate flight of four.«

Text: Lino von Gartzen/Markus Wunderlich

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