Ju-87-Bergung - Der mysteriöse Stuka-Code

Doppelte Enthüllung: Die eine Ju 87 liegt noch unter Wasser, die andere steht im Museum. Beide abgestürzt, beide unbekannt. 30 Jahre nach Entdeckung und 60 Jahre nach dem Absturz, wird auf einen Schlag das Schicksal beider Maschinen geklärt. 

Vor dem Untertauchen gerettet: Eine bei Fréjus wieder geborgene Ju 87 des Sturzkampfgeschwaders 101. Volle Arbeitskraft ist notwendig, um die fliegenden Kisten wieder aus dem Wasser zu holen. Foto: Slg. Jean Houben © Slg. Jean Houben
Vor dem Untertauchen gerettet: Eine bei Fréjus wieder geborgene Ju 87 des Sturzkampfgeschwaders 101. Volle Arbeitskraft ist notwendig, um die fliegenden Kisten wieder aus dem Wasser zu holen

Mehr als 150 Kilometer Küste sind es zwischen Marseille und Saint-Tropez. Wie viele Flugzeugwracks in diesem Abschnitt der Côte d’Azur unter Wasser liegen, das weiß niemand so genau. Bekannt sind zehn deutsche Flugzeugwracks: mehrere Ju 88, Bf 109 und auch eine He 111. Nur wenige dieser Maschinen sind identifiziert, ihre Geschichte und das Schicksal der Besatzungen sind zumeist ungeklärt. An Land gibt ein »Stukaflieger«-Friedhof mahnendes Zeugnis: In den sieben Monaten bis Oktober 1943, als sich das Sturzkampfgeschwader 101 aus Südfrankreich zurückzog, gingen bei dieser Ausbildungseinheit 51 Maschinen zu Bruch. 22 Piloten und Bordfunker verloren ihr Leben. Zwei dieser Ju-87-Wracks vor der französischen Mittelmeerküste wurden in den späten 1970er-Jahren von Tauchern gefunden. Von den Werk-Nummern und damit dem Schicksal der Maschinen fehlte bislang jede Spur. Jetzt wurde das Rätsel um die Werk-Nummern gelöst.

Die Reste einer Ju 87 liegen noch immer auf dem Meeresgrund bei der Halbinsel von Giens, nahe der Stadt Hyères – und damit quasi vor der Haustür von Christophe Desix. Schon als Kind ist er dort in den 1970er-Jahren getaucht, wo die Stuka-Wrackteile in fünf Metern Tiefe liegen. Was für einen Hobby-Schnorchler Entdeckungsfreude pur bedeutet, ist für den Archäologen ein Graus: Hoher Seegang setzt den Artefakten in dieser geringen Wassertiefe stark zu, die Anker der Sport- und Fischerboote tragen ihr Übriges zum Verfall bei. Heute besitzt Desix seine eigene Tauchbasis, nur zwei Kilometer entfernt.

Mit Wracktaucher und Unterwassser-Archäologe Lino von Gartzen hat er bereits bei der Identifizierung einer Bf 109 zusammengearbeitet (FC 12/2007). Man kennt sich eben in der Szene, tauscht sich aus, hilft sich gegenseitig weiter. Doch was Desix über den Stuka, von dem lediglich die linke Fläche, Motor und ein Teil des Rumpfes erhalten sind, wusste, hielt sich in Grenzen: Ein Fischer hatte ihm erzählt, dass er während des Krieges die zwei toten Besatzungsmitglieder dieses Flugzeugs im Auftrag der deutschen Luftwaffe geborgen habe. Dazu hatte er sogar von den Deutschen extra Treibstoff zur Verfügung gestellt bekommen. Mehr konnte der Zeitzeuge allerdings nicht erzählen, er ist inzwischen gestorben.

Auch Wrackforscher Jean-Pierre Joncheray, der 1985 diese Trümmer genauer unter die Lupe nahm, fischte im Trüben: Klar, auf den Fotos des Flügels ist noch eindeutig der Stuka-typische Knick in der Tragfläche zu erkennen; auch der Motor sieht noch nach einem Jumo aus. Werknummer? Fehlanzeige. Eine Aufzeichnung über einen Verlust einer Ju 87 in den Archiven? Keine Spur.

Ebensowenig 21 Jahre später, als das Team um Lino von Gartzen im Jahr 2006 nach Verlusten des Sturzkampfgeschwaders 101 zwischen März und Oktober 1943 recherchierte. Denn soviel stand fest: Diese Ausbildungseinheit war das einzige mit Stukas ausgerüstete Geschwader in Südfrankreich. Ungewöhnlich war, dass alle bekannten Ju-87-Verluste über See jedoch das Gebiet um Fréjus und Saint-Tropez betrafen, also über 80 Kilometer östlich der eigentlichen Fundstelle. Das Forscherteam vermutete den Absturz bei einem Überführungsflug, vermutlich unter dem Namen irgendeiner anderen Einheit. Weitere Recherchen schienen aussichtslos, es fehlte einfach das richtige Puzzleteil – das Vorhaben musste ruhen.

Volltrefer

Die Zwangspause endete unverhofft, Lino von Gartzen kannte das bereits von seinen anderen Forschungsprojekten. Denn oft laufen viele Recherchen parallel, man hangelt sich quasi von einem Fall zum nächsten. So auch im Januar dieses Jahres. Wegen etwas ganz anderem hatte von Gartzen Kontakt zur Gemeinschaft der Flieger deutscher Streitkräfte e.V. (GdF). Wie das so ist: beiläufiger Smalltalk über die bislang ergebnislose Stuka-Recherche. Aber warum nicht einfach nochmals die Vereins-Datenbank durchforsten? Und zwar nach den Suchbegriffen »Ju 87« und »101«, anstatt wie Jahre zuvor nur nach »St.G. 101« zu suchen.

Die Suche spuckte 51 Treffer aus: Bruchmeldungen vom 17. März 1943 bis zum 23. Oktober 1943, alle zwischen 10 und 100 Prozent. Davon 22 Totalverluste, fünf Brüche hatten eine Schadensquote zwischen 80 und 95 Prozent. Von den Besatzungen verunglückten 21 Mann tödlich, ein Crewmitglied wurde vermisst, 13 verletzte Angehörige waren während des Ausbildungsbetriebs insgesamt zu beklagen. In diesen Datenbankeinträgen standen auch die bereits bekannten drei Abstürze über See bei Fréjus und Saint-Tropez.

Ganz am Ende der Liste fand sich jedoch eine Überraschung: Zwei Ju-87-Verluste, von denen Lino von Gartzen bislang noch nichts gehört hatte. Abstürze über See, und zwar bei Hyères. Volltreffer! Denn das war genau das Suchgebiet; hier lag das Wrack, von dem nur noch Flügel und Motor zeugten, im Meer!

Aber warum nur waren diese beiden Verluste, datiert auf den 22. und 23. Oktober 1943, so schwer zu finden? Warum waren sie nicht unter dem Begriff »Sturzkampfgeschwader 101«, sondern unter der Bezeichnung »Schlachtgeschwader 101« verzeichnet?

Der Amtsschimmel schlägt zu

Der Schlüssel lag in der nackten Zahlenfolge »101« der Suchanfrage. Nur so waren der Datenbank nicht nur Einträge über Sturzkampfgeschwader zu entlocken, sondern auch Aufzeichnungen über ein Schlachtgeschwader, das die »101« für sich beanspruchte. Des Rätsels Lösung, warum plötzlich zwei unterschiedliche Geschwader-Bezeichnungen auftauchten, war eine Umbenennung: Am 18. Oktober 1943 wurde aus dem Sturzkampfgeschwader (St.G.) ein Schlachtgeschwader (SG). Befehl ist Befehl, die Schreibstuben verzeichneten dementsprechend alle folgenden Verluste nun nicht mehr unter »St.G. 101«, sondern unter »Schl.G.101«. Tatsächlich existierte ein Schlachtgeschwader 101 bereits seit Frühjahr 1943 bei Paris, so wurde das »St.G.101« letztendlich in »SG 103« umbenannt. Die Verwirrung war perfekt, für ein paar Tage waren die Maschinen in Südfrankreich sozusagen »herrenlos«, weil die jeweiligen Stellen sie jeweils unterschiedlich zuordneten. Immerhin konnten beide Abstürze bei Hyères durch die Verlustlisten des Generalquartiermeisters des Militärarchives in Freiburg bestätigten werden, wo die Maschinen dem St.G.101 zugerechnet wurden.

In einem entscheidenden Detail stimmen beide Quellen überein: Nur bei einem dieser beiden Verluste bei Hyères ist die Besatzung umgekommen. Der Eintrag vom 23. Oktober 1943 lautet: Absturz der Ju 87 B-1 mit der Werk-Nummer 5153 in See bei Hyères infolge eines Bedienfehlers. Bruch 100 Prozent. Der Flugzeugführer dieses Stuka, Willi Grote, und der Bordfunker Ernst Niehus sind bei diesem Absturz als verstorben gemeldet.

Um auf Nummer sicher zu gehen, recherchierte von Gartzen beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ja, dieser bestätigte auch die eingangs von dem französischen Fischer berichtete Bergung der toten Besatzungsmitglieder. Beide Opfer wurden zunächst auf dem »Stukafriedhof« bei Frejus beigesetzt und später auf den zentralen deutschen Kriegsgräberfriedhof nach Dagneux umgebettet. Das Rätsel um den Stuka vor der Küste von Hyères ist also gelöst: Es kann sich nur um die Ju 87 mit der Werk-Nummer 5153 handeln.

Trotz Bergung noch unbekannt

Ein weiterer Sturzkampfbomber wurde bereits 1989 nahe Saint-Tropez geborgen. Die Maschine steht heute im Auto & Technik-Museum in Sinsheim. Werk-Nummer: unbekannt. Bis 1989 wurde diese Ju 87 unter Tauchern heiß gehandelt: das schönste Flugzeugwrack der Côte d’Azur. Nicht ohne Grund, lag die Maschine doch in 60 Metern Tiefe und war bis auf den hinteren Rumpfbereich nahezu komplett. Entdeckt hatte sie einst Jean-Pierre Joncheray, der bereits das Wrack der Ju 87 vor Hyères detailliert fotografiert hatte. Mit ihm zusammen machte sich das Auto & Technik-Museum im Juni 1989 an die Bergung, bevor der Stuka seine letzte Reise nach Sinsheim antreten sollte.

Hier beginnt die Geschichte von Klaus Fischer. Seine erste Begegnung mit dieser Ju 87 war Anfang der 1990er-Jahre – und sie sollte nur von kurzer Dauer sein. Denn an diesem Sommertag war die Ausstellungshalle durch die Nachmittagssonne gut aufgeheizt. Das aus dem Meer geborgene Flugzeugwrack mit der damals noch unbekannten Werk-Nummer verbreitete einen Geruch, der eher an einen Heringslogger erinnerte, nicht aber an ein Flugzeug der ehemaligen deutschen Luftwaffe. Kurios mutet an, dass sich damals schon des Rätsels Lösung um die Werknummer nur unmittelbar vor dem Wrack des Sturzkampfbombers in einer der Ausstellungsvitrinen versteckte.

Obwohl Klaus Fischer seitdem noch oft die Museumshalle mit diesem arg gerupften Vogel durchstreifte, dauerte es bis Januar dieses Jahres, bis sich das Geheimnis lüftete. Fischer wusste von der Stukasuche seines Forscherfreundes Lino von Gartzen, wie dieser war er nun einer noch unbekannten Ju 87 auf der Spur. In den Unterlagen des Museums auch kein Hinweis. Eine Fährte gab es – ein vom Salzwasser zerfressene Typenschildchen mit den einzig noch leserlichen Buchstaben: Baujahr 6.40. Das konnte sich also nur um eine Junkers Ju 87 der Version B-2 handeln. Ein zweites gefundenes Typenschild, noch relativ gut erhalten, führte Fischer auch nicht gerade weiter: Mechanische Werkstätten Neubrandenburg G.m.b.H. ETC 50 VIII d FL 50295 1.304643; es war das Schildchen für die Bombenhalterung des Flugzeugs.

Ob der Tatort weitere Indizien preisgibt? Laut Museum wurde das Wrack mit zurückgeschobener Cockpithaube in Rückenlage auf dem Meeresgrund gefunden. Noch mehr: Sogar der Gashebel war auf Nullstellung zurückgeschoben worden. Außerdem fehlten bei der Bergung und späteren Reinigung der Maschine von menschlichen Überresten jede Spur. Alles deutete darauf hin, dass die Besatzung sich retten konnte. Spekuliert wurde, dass dieses Ju 87 während eines Luftangriffs auf Saint-Tropez am 16. August 1944 abstürzte, beim Versuch, die alliierten Landungstruppen bei der Invasion Südfrankreichs, Codename »Unternehmen Dragoon« zurückzudrängen.

Manche Zeitzeugen meinten sich zu erinnern, dass die ausgestellte Ju 87 zum Stukageschwader 77 gehörte, andere sprachen von der Stukagruppe 10. Dass diese Maschine zuvor einmal zum Bestand des St.G.77 gehörte, ist durchaus möglich. Spuren von gelber Farbe an den Tragflächenenden könnten auf einen Russlandeinsatz hinweisen. Es war normal, dass ehemalige Frontflugzeuge an die Schulen weitergegeben wurden. Aber wenn man bedenkt, dass einzig und allein das später in Schlachtgeschwader 103 (Schl.G.103) umbenannte Stukageschwader 101 (St.G.101) Stukas einsetzte, wackelten diese Erklärungen bei näherer Prüfung. Und laut deren Verlustliste kamen gleich mehrere Ju 87 in Frage.

Der Code wird geknackt

Was sagte das Wrack? Zusammen mit Karlheinz Böckle vom Auto & Technik Museum inspizierten Klaus Fischer und Lino von Gartzen das Flugzeugwrack nochmals genau. Nein, die Flugzugzelle weist keine Beschuss-Schäden auf. Nur ein Teil der rechten Tragfläche war stark lädiert, vielleicht eine Kollision in der Luft oder eine unsanfte Wasserung. Was war während der ganzen Zeit nicht beachtet worden, wo lag die Lösung des Rätsels? Klaus Fischer kam nicht aus dem Grübeln, Anfang Februar zog es ihn wieder nach Sinsheim, zur Ju 87. Irgendetwas musste es doch geben.

Er schaute sich die Vitrinen vor dem Flugzeug nochmals genau an. Da lagen die Relikte: eine Signalpatrone, beschriftet mit dem inzwischen schlecht lesbaren Aufdruck »September 1942«. Dazu die eine Flächenwaffe, ein MG 17 in gutem Zustand. Daneben die aufgeschnittene Munition, blankpoliert. Dahinter ein Alukasten, der Munitionsbehälter für das vorne liegende MG.

Moment mal, in schwarzen Zahlen war eine Nummer auf dem Behälter­deckel angebracht worden, zwar etwas lädiert die Schrift, aber trotzdem deutlich zu entziffern: 5661.

Der Code war geknackt. Das war sie! Diese Ziffernfolge kannte Klaus Fischer nur zu gut. Ihm schoss es durch den Kopf: Das war exakt eine der Werk-Nummern auf der Liste, die er von der GdF bekommen hatte. Genauer gesagt, die von der »Ju 87 B-2, Werk-Nummer 5661, Einheit: St.G. 101. Absturz ins Meer nach Zusammenstoß in der Luft mit Ju 87 B-1, Werk-Nummer 0270.« Und weiter hieß es zu diesem Absturz am 29. April 1943: »Flugzeugführer: Unteroffizier Kalz, Rudolf, vermißt 2, Bordfunker mit Fallschirm abgesprungen, Bruch 100 %.«

Zur Sicherheit nahm Klaus Fischer noch den obligatorischen Abgleich mit den Verlustlisten des Generalquartiermeisters im Militärarchiv Freiburg vor: Der Fall war eindeutig, die Daten wurden bestätigt. Nur die Recherche im Gräber­ver­zeichnis des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge ergab keine Grablage des Flugzeugführers Rudolf Kalz. Er konnte also nach dem Absturz ins Meer nicht geborgen werden, wurde aber auch später nicht mehr aufgefunden und bleibt somit bis heute vermisst.

Die Spurensuche nach dem Stuka-Schicksal fand ein erfolgreiches Ende. Das Rätsel um die Ju 87, die beide im selben Geschwader eingesetzt waren, wurde fast zeitgleich auf einen Schlag gelöst. Zufallstreffer oder Ergebnis penibler Forschungsarbeit? Auf jeden Fall der Beweis dafür, dass »abgetaucht« noch lange nicht »verloren« bedeutet, was das Schicksal von Flugzeugen anbelangt.

Text: Lino von Gartzen/Klaus Fischer

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