Flugzeug-Wracks am laufenden Band

In bayerischen Seen nach Flugzeugwracks zu suchen, kann ernüchternd sein. Nur allzu häufig hat bereits ein Ludwig Hain ein Flugzeug geborgen. Wer war dieser Ludwig Hain?

Im Frühjahr 1952, fast sieben Jahre nach dem Absturz, wurde am Ammersee vom Bergungsunternehmen Hain und Schuster eine P-47 gehoben. © Flugzeug Classic
Im Frühjahr 1952, fast sieben Jahre nach dem Absturz, wurde am Ammersee vom Bergungsunternehmen Hain und Schuster eine P-47 gehoben.

Der Luftwaffenpilot Ludwig Hain fand während des Zweiten Weltkriegs in Norwegen auf einem Umweg zur Bergungs-Taucherei. Wegen der alliierten Luftüberlegenheit stockte der Materialnachschub, die Einsatzfähigkeit von Hains Einheit in Norwegen war daher bald in Frage gestellt. Außerdem leisteten Saboteure ganze Arbeit und versenkten sogar die im Hafen liegenden Flugzeuge. Die einzige Lösung: Die im Hafenbecken abgesoffenen Maschinen mussten wieder geborgen werden – um sie entweder herzurichten oder zumindest als Ersatzteilquelle ausschlachten zu können. Deshalb wurde ein Bergungskommando der Kriegsmarine angefordert. Dessen Arbeit interessierte Ludwig Hain, schnell freundete er sich mit dem Einsatzleiter des Bergungstrupps an. Diese Begegnung sollte sein Leben verändern: Rasch arbeitete er sich in die Theorie und Technik der Bergungen und des Tauchens ein, und es dauerte nicht lange bis zu seinem ersten eigenen Tauchgang auf fünf Meter Tiefe.

»Die dabei gewonnenen Eindrücke waren verblüffend. Die Liebe zu diesem Beruf ließ mich bis heute nicht mehr los, denn es war wirklich eine ›Liebe auf den ersten Blick‹«, erzählte er. Der Wunsch stand fest, Hain wollte unbedingt nach allen Regeln der Kunst zum Taucher ausgebildet werden. Und so wurde im hohen Norden in Norwegen ein »Pilot der Luftwaffe in Sitzbereitschaft« durch einen intensiven Einzelkurs zum »Bergungstaucher der Kriegsmarine« ausgebildet. Wie sehr ihm diese gute Ausbildung und seine Leidenschaft zur Taucherei später noch nützen würden, wusste Hain damals noch nicht...

Wertvolles Altmetall

Bald darauf war der Krieg zu Ende. Ludwig Hain konnte anfangs mit der Hilfe von Freunden in Norwegen untertauchen, wurde dann aber interniert. Nach der Heimkehr in seine oberbayerische Heimat Inning am Ammersee zog sich die Materialknappheit wie ein roter Faden weiter durch Hains Leben: Für Altmetall wurden hohe Preise bezahlt, Hain sah darin die Chance, seine Fähigkeiten als Pilot und Taucher erfolgreich kombinieren zu können. Er gründete am Ammersee zusammen mit dem Ingenieur Schuster, der im Krieg bereits als Pionier Erfahrungen mit Bergungen gesammelt hatte, das Bergungsunternehmen Hain und Schuster. Zusammen holten Sie in den folgenden Jahren fast alle bekannten Flugzeugwracks aus den südbayerischen Seen. Darunter eine Lancaster, eine B-17, eine Bf 109, eine Bf 110 und zwei P-47 Thunderbolt. »Nebenbei« wurden diverse Fahrzeuge, Boote, ein Mini-U-Boot und schwere Brückenteile gehoben.

Nachdem schon bald in den oberbayerischen Seen nicht mehr viel zu bergen blieb, zog es Ludwig Hain an den Bodensee. Dort war er noch einige Zeit als Taucher unter anderem für einen Schweizer tätig. Ende der 1950er-Jahre waren so gut wie alle Wracks aus betauchbaren Tiefen geborgen; als Anfang der 1960er-Jahre der Preis für Altmetall stark gesunken war, wurden Flugzeugbergungen kommerzieller Unternehmen fast vollständig eingestellt.

Persönliche Begegnung mit Hain

Heute, über 50 Jahre danach, ist über diese Bergungen in den 50ern und damit über die Identität der gehobenen Flugzeuge und ihrer Besatzungen so gut wie nichts mehr bekannt. Um mir und anderen Forschern künftig die sinnlose Suche nach schon längst geborgenen Flugzeugen zu ersparen und in der Hoffnung, dass unter Umständen ein vermisstes Flugzeug im See von den Bergungsfirmen »übersehenen« wurde, sammle ich seit Jahren neben Berichten über Abstürze auch alle Informationen zu Bergungen aus bayerischen Seen.

Aus diesem Grund war ich besonders froh, als ich den »legendären« Ludwig Hain nach längerer Suche Anfang dieses Jahres am Bodensee ausfindig machen konnte. Für ein persönliches Kennenlernen und um seine alten Fotos und Unterlagen sichten und abgleichen zu können, hatten wir ein Treffen im Frühjahr vereinbart. Bei diesem ersten kurzen Treffen am Bodensee war jedoch viel zu wenig Zeit, um alle meine Fragen zu besprechen, geschweige denn Details über unsere Bergungen und Erfahrungen auszutauschen. Daher hatten wir ein weiteres Treffen im Juni vereinbart.

Einzigartige Foto-Sammlung

Kurz vor meiner Abreise zu diesem lang­erwarteten Termin bekam ich einen Anruf: Ludwig Hain war an diesem Morgen im Alter von 89 Jahren nicht mehr aufgewacht.

Der Flugzeugwrackforschung hat er mit seinen Unterlagen und Fotoalben eine einzigartige Sammlung aus einer sonst sehr schlecht dokumentierten Epoche hinterlassen. Obwohl alle Flugzeugwracks hauptsächlich geborgen wurden, um sie gegen den damals sehr hohen Schrottpreis – vor allem für Aluminium – zu verkaufen, zeigen die von Ludwig Hain gesammelten Fotos, Zeitungsartikel und Dokumente auch sein besonderes Interesse für die Aufklärung des Schicksals der jeweiligen Besatzungen.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass er über die meisten geborgenen Maschinen selbst schon einiges an Hintergrundmaterial zur Geschichte des Flugzeugs und seiner Crew zusammentragen hatte. Sein nichtdokumentiertes Wissen und persönliche Erfahrungen sind mit seinem Tod jedoch für immer verloren gegangen, ebenso die Möglichkeit weiterer Gespräche. Viele Fragen auf meiner Liste werden vermutlich für immer unbeantwortet bleiben. Eventuell können die Fotos und Dokumente seiner Sammlung aber andere Fragen beantworten...

Text: Lino von Gartzen

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