Arado Ar 196

Unterwasserforscher Lino von Gartzen ist dem Geheimnis der verschollenen Besatzung, der Arado Ar 196 auf der Spur.

Die neun Zylinder des BMW-132K-Sternmotors leisteten einst 960 PS © Frederic Lecomte
Die neun Zylinder des BMW-132K-Sternmotors leisteten einst 960 PS

Eigentlich sollte Fritz Schaar, Pilot einer Arado Ar 196 der Seeaufklärungsgruppe 126, an jenem 17. September 1943 zusammen mit einer weiteren Ar 196 einem Konvoi von Frachtschiffen Geleitschutz geben. Aber jetzt, gegen 14.30 Uhr an jenem Tag, hatte der Unteroffizier ein ernsthaftes Problem: Seine Ar 196 A-3, Kennung D1+EH, war getroffen worden. Der Motor röchelte in den letzten Zügen, unter ihm das Mittelmeer – und der eigentlich zu beschützende Schiffsverband. Diesem Konvoi erging es auch nicht besser: Paula und Pluto – die beiden Frachter – samt dem begleitenden U-Boot-Jäger UJ 2104 waren hier, in der Nähe der Insel Naxos, in das Fadenkreuz von drei Tieffliegern und sieben Beaufightern geraten, für sie gab es kein Entrinnen. UJ 2104 erhielt mehrere Treffer aus den Maschinenkanonen der Flugzeuge, der Kommandant und der Erste Wachoffizier wurden dabei schwer verletzt und waren bewusstlos. Fritz Schaar entschied sich mit seiner Arado zur Notwasserung und brachte seinen Tiefdecker heil runter. Der U-Boot-Jäger ging längsseits, Schaar und sein Bordfunker Herbert Schneider stiegen unversehrt auf die UJ 2104 um, die ihre lädierte D1+EH ins Schlepptau nahm. Doch das Ende der Ar 196 war schneller gekommen als gedacht: Die Schwimmer waren ebenfalls getroffen worden und sogen sich mit Wasser voll. Um 16:09 Uhr half alles nichts mehr, das Schleppseil wurde gekappt, die vollgelaufene Arado setzte notgedrungen zu ihrer letzten Landung auf dem Meeresgrund an …

Aufgetaucht

Im März 2008 hatte Manolis Bardanis, Leiter einer Tauchbasis auf der Insel Naxos, sich bei FLUGZEUG CLASSIC gemeldet: Er schickte interessante Fotos vom Wrack einer Arado 196. Nicht von irgendeiner, sondern allerhöchstwahrscheinlich einer Ar 196 A-3 der Seeaufklärungsgruppe 126. Was Bardanis und sein Freund, der Marineforscher und Taucher Dimitri Gallon, nur vermuteten, konnte nach weiteren Recherchen zu Arado-Verlusten in Griechenland und der Überprüfung des Verlustes vom 17. September 1943 in den Verlustlisten des Militärarchivs bestätigt werden: Es muss sich um die D1+EH, geflogen von Fritz Schaar, handeln.

Denn für diesen Tag sind zwei Ar-196-Verluste verzeichnet. Der eine betrifft eine Arado, die über 300 Kilometer entfernt in See gestürzt war. Somit waren dieser wie auch die anderen bislang bekannten Ar-196-Verluste in Griechenland aufgrund der großen Distanz nicht interessant. Der andere Eintrag für den 17. September 1943 gibt jedoch ein Seegebiet als Absturzort einer Ar 196 an, das nur wenige Kilometer nördlich vom Fundort liegt: »17.09.1943, Seeaufklärungsgruppe 126, nordostwärts Insel Ios, Luftkampf (Besatzung von U-Jäger gerettet, Feind beobachtet), AR 196, WNr.: 185, Verlust 100 %.«

Zum zweiten Mal getroffen

Absturzort, Fundstelle und Flugzeugtyp stimmten also überein. Und doch warf dieser Eintrag auch neue, ganz andere Fragen auf: In dem Verlusteintrag wurde nachträglich handschriftlich ergänzt, dass die Besatzung als vermisst gilt. Im Abschnitt Berichtigungen vom 24. September 1943 findet sich die Anweisung zu dieser Änderung: »Füge hinzu > Uffz. Schaar, Fritz (F), Uffz. Schneider, Herbert (Bf). Setze: 2 Vermisste.« Was war mit der Besatzung passiert, die doch eigentlich von einem Schiff gerettet wurde? Was geschah an jenem 17. September 1943 wirklich?

Fritz Schaar und Herber Schneider gingen auf dem U-Boot-Jäger von einer schnellen Rettung aus. Denn eine Seenot-Dornier war Richtung Naxos gestartet. Sie sollte die Verwundeten bergen. Doch vergeblich, die Maschine konnte den Schiffsverband nicht finden. Daher die Entscheidung: die ursprüngliche Fahrt von Piräus nach Rhodos fortsetzen. Auch wenn der Blick zum Himmel Unheil heraufbeschwörte: Seit geraumer Zeit folgte ihrem Verband in der Dämmerung ein Aufklärer. Um 17:30 Uhr setzte die UJ 2104 einen Funkspruch ab: »Zweiter Luftangriff zu erwarten, erbitte dringend Jäger.«

Die Nerven der Crew lagen blank: Bei absolutem Rauchverbot wartete sie an Deck und in Schwimmwesten auf den nächsten Angriff, während der Verband langsam weiter nach Süden Richtung Rhodos schipperte. Doch vorerst gab es keinen weiteren Luftangriff, auch ein besonders in den frühen Abendstunden zu erwartender U-Boot-Angriff blieb aus. Die Besatzung versuchte ein wenig Schlaf zu finden. Gegen 23:30 Uhr dann der Alarm: »Klar Schiff zum Gefecht!« Mit dem Nachtglas wurden backbord voraus feindliche Schiffe gesichtet. Es handelte sich um die die beiden britischen Zerstörer »Faulk-ner« und »Eclipse« sowie den griechi­schen Zerstörer »Queen Olga«.

Keine zehn Minuten später nahmen sie den deutschen Schiffsverband in die Zange und eröffneten das Feuer. Der U-Boot-Jäger erhielt an Backbord mehrere Treffer, es gab Verwundete und Tote durch die Splitterwirkung. Wassereinbruch in zwei Bereichen, das Heck lag bereits tiefer im Wasser. Das Schicksal des Schiffsverbands schien besiegelt, die drei Zerstörer waren einfach zu schlagkräftig.

Ein Teil der Besatzung von UJ 2104, unter ihnen auch zumindest ein Besatzungsmitglied der Arado, versuchte sich durch einen Sprung ins Mittelmeer zu retten. Für die Männer war klar: Die UJ 2104 würde sinken, ganz sicher. Genauso wie die nun brennenden Frachter Pluto und Paula. Und tatsächlich, vom U-Boot-Jäger war nichts mehr zu sehen. Dafür glücklicherweise etwas anderes: die Umrisse der Insel Stampalia (Astipaläa).

Nach sieben Stunden schwimmend im Wasser erreichten einige der Schiffbrüchigen des versenkten Geleitzugs am frühen Morgen das Ufer an der Nordseite der griechischen Insel. Doch Stampalia war zu diesem Zeitpunkt ausschließlich von italienischen Truppen besetzt. Wie werden sich die Italiener gegenüber ihren ehemaligen Verbündeten verhalten? Nur kurz zuvor war der Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten ausgehandelt und am 8. September 1943 veröffentlicht worden. Nicht auszumalen, was später noch passiert wäre, denn am 29. September 1943 unterzeichneten Marschall Badoglio und General Dwight D. Eisenhower den »Vertrag von Cassibile«, und schon am 13. Oktober 1943 erklärte Italien dann dem Deutschen Reich den Krieg.

Meldung vom Geisterschiff

Am Morgen des 18. September 1944 erreichte um 5.40 Uhr eine Nachricht die Stelle des Admirals Ägäis in Piräus: »Boot ist in Stampalia eingelaufen.« Gesendet wurde die Botschaft von der UJ 2104 – jenem U-Boot-Jäger, den der Teil der Besatzung, der über Bord gesprungen war, zu diesem Zeutpunkt schon längst versunken geglaubt hatte. Irgendwie war es der UJ 2104 gelungen, den alliierten Zerstörern im Schlachtgetümmel zu entkommen und mit dem angeschlagenen U-Boot-Jäger die Maltezana-Bucht an der Südostseite der Insel zu erreichen.

Dort war das Boot vor Anker gegangen, und das »Verschwinden« wurde vorbereitet: Die Geheimunterlagen wurden vernichtet und die UJ 2104 zur Sprengung klar gemacht. Gegen 7 Uhr kam der Befehl aus Piräus: »UJ 2104 versenken. Dank und Anerkennung.«

Eine weitere Funk-Meldung des angeschlagenen U-Boot-Jägers zeugt von den »wackeligen« Beziehungen zwischen Italienern und Deutschen jener Tage in Griechenland und dem Versuch, das Schiff nicht aufgeben zu müssen oder wenigstens die Besatzung vor der Kriegsgefangenschaft zu bewahren: »Versuche mit Inselkommandant vor der Versenkung zu verhandeln. Versenkung sichergestellt.«

Kommando zurück

Doch die Lage spitzte sich zu, denn die Vorgesetzten des italienischen Inselkommandanten und die Engländer auf Leros waren nur bruchstückhaft über die »Landung« deutscher Soldaten und den U-Jäger informiert und hielten dies zuerst für einen möglichen Versuch der Deutschen, die Insel Stampalia zu besetzten. Deshalb schickten sie am Morgen zwei italienische MAS – also Torpedo-Schnellboote – los, um die Lage auf Stampalia zu bereinigen.

Auf Seiten des kommandierenden Admirals in Piräus bestand deshalb wenig Zuversicht, dass die Verhandlungen mit dem Inselkommandanten noch erfolgreich enden könnten. Unterstützung durch die Luftwaffe wurde ihm zugesagt. Punkt 7.59 Uhr wurde deshalb der Befehl zur Versenkung widerrufen: »Aufgrund neuer Lage versuchen, mit allen Mitteln weiterzulaufen. Stuka sind angesetzt.«

Doch der Befehl kommt zu spät, das Boot ist stark beschädigt, und die Schwerverletzten müssen dringend versorgt werden. Die angekündigte deutsche Luftunterstützung wird den auf der entgegen-gesetzten Seite der Insel gestrandeten Überlebenden des Geleitzugs und der Besatzung der Arado beinahe zum Verhängnis: Diese Männer wurden am Vormittag von den italienischen Soldaten an der Nordküste der Insel aufgefunden, freundlich behandelt und mit Zigaretten versorgt. Am späten Nachmittag wurden sie dann von zwei motorisierten Segelbooten abgeholt, um zur Maltezana-Bucht auf der Südostseite der Insel zu den weiteren Überlebenden gebracht zu werden.

Just in diesem Moment begann ein Einsatz der deutschen Luftwaffe: Die deutschen Ju 88 sollen in der Nähe befindliche alliierte Schiffe bekämpfen. Die beiden italienischen MAS-Boote wurden versenkt und Flakstellungen auf der Insel angegriffen. Mehrfach passierten die Ju 88 im Anflug auf ihre Ziele auch die beiden unter italienischer Flagge fahrenden Motorsegler mit den Überlebenden in geringer Flughöhe.

Mit Hemden und Mützen winkten die »gestrandeten« deutschen Männern ihren eigenen Flugzeugen zu, um auf sich aufmerksam zu machen. Mit Erfolg: Diese Wink-Zeichen wurden anscheinend verstanden, mit viel Glück entgingen sie einer weiteren Versenkung – im Falle der Arado-Besatzung wäre das die dritte innerhalb von nur 24 Stunden gewesen.

Als die Geretteten die Maltezana-Bucht erreichten, sahen sie den U-Boot-Jäger verlassen und halb versunken nahe der Küste liegen. Die an Bord verbliebene Besatzung hatte man in der Zwischenzeit in einem italienischen Hospital untergebracht und dort auch die Verwundeten ärztlich versorgt. Die Toten wurden auf der Insel begraben. Die etwa 60 bis 70 Überlebenden des Konvois wurden dann zusammen in einer Baracke einquartiert. Viele unter ihnen hatten noch große Hoffnung, in den nächsten Tagen von deutschen Einheiten abgeholt oder an sie übergeben zu werden.

Doch die Hoffnung schwand, als sie ihre Unterkunft von schwerbewaffneten italienischen Soldaten umstellt sahen. Vier Tage später wurden sie dann tatsächlich abgeholt – von einem englischen Landungskommando. Zuerst ging es für zwei Tage zur weiteren medizinischen Versorgung auf die weiter östlich gelegene Insel Leros. Hier arbeiteten Engländer und Italiener bereits militärisch zusammen. Danach brachte sie der englische Zerstörer HMS Faulkner – übrigens dasselbe Schiff, das wenige Tage zuvor ihren Geleitzug bei Stampalia vernichtet hatte, weiter nach Ägypten in die Kriegsgefangenenlager. Einen Monat später wurde die Insel Stampalia und kurz darauf auch Leros von den deutschen Einheiten zu­rück­erobert. Der Pilot der Arado 196, Fritz Schaar, kehrte wie die meisten anderen Überlebenden im Frühjahr 1948, nach fast viereinhalb Jahren, aus der britischen Kriegsgefangenschaft in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern aus Ägypten nach Deutschland zurück.

Das Wrack der UJ 2104 wurde einen Monat nach dem Absturz der Arado von deutschen Einheiten nahe der Küste auf Grund liegend vorgefunden, als sie am 27. Oktober 1943 die Insel Stampalia zurückeroberten.

Der letzte Beweis steht noch aus

Der ursprüngliche Fundort des Wracks zwischen der Nordspitze von Ios und der Westküste von Herakleia stimmt sehr gut mit den Angaben »nordostwärts Insel Ios« in der Verlustliste überein. Besonders wenn man berücksichtigt, dass das Flugzeug von der UJ 2104 wahrscheinlich noch ein paar Kilometer nach Süden geschleppt wurde, bevor es versank. An diesem Ort lag das Wrack der gesunkenen Arado in 91 Metern Tiefe, bis es 1982 von dem griechischen Fischerboot »Robinson« zur fünf Kilometer entfernten Insel Herakleia geschleppt wurde. Damit es nicht weiterhin die Fischerei behindert, wurde die Arado dort in einer Bucht in elf Metern Tiefe »abgelegt«. Aufgrund der nur geringen Tiefe haben Taucher über Jahre hinweg immer wieder Teile der Maschine mitgenommen. Der Zustand der 1990 geborgenen Luftschraube ist ein weiteres Indiz, dass diese Arado erst nach einer gelungenen Wasserlandung versunken war und nicht unkontrolliert über See abgestürzt ist.

Vorhanden sind heute noch der größte Teil des Rumpfs, der Motor und Teile der Flügel. In den vergangenen Jahren ist das Flugzeug von Manolis Bardanis unter Wasser weiter erforscht und dokumentiert worden, bislang konnte aber bei den Tauchgängen an dem Arado-Wrack keine Werknummer gefunden werden. Eine noch nicht überprüfte Stelle am Rumpf, an der sich auch noch ein Schild mit der Werknummer befinden könnte, soll dieses Jahr untersucht werden.

Text: Lino von Gartzen

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