Antoine de Saint-Exupéry: Ein Rätsel, zwei Prinzen und drei Schlüssel zur Lösung

»Den Exupéry – den habe ich abgeschossen.« Als das Bekenntnis des Jagdfliegers Horst Rippert Anfang dieses Jahres durch die Medien wirbelte, wechselten sich Bestürzung und der Wunsch, nun den wild rankenden Legenden um das Verschwinden des fliegenden französischen Schriftstellers ein Ende zu setzen. Eine Spurensuche auf dem Weg zur Wahrheit, denn die Indizien für diese Version scheinen unwiderlegbar.

Heute befindet sich dieses Armband Saint-Exupérys neben weiteren geborgenen Wrackteilen seiner P-38 im Musée de L’Airin Le Bourget, Paris. © Lino von Gartzen
Heute befindet sich dieses Armband Saint-Exupérys neben weiteren geborgenen Wrackteilen seiner P-38 im Musée de L’Airin Le Bourget, Paris.

Es war einmal – »Der kleine Prinz«: Seinen Schöpfer, den Schriftsteller und begeisterten Flieger Antoine de Saint-Exupéry, machte er unsterblich. Und es war einmal Prinz Alexis zu Bentheim, genau wie Saint-Exupéry auch Pilot. Zwei Männer, deren Leben in den Wirren des Zweiten Weltkriegs vor der Mittelmeerküste Frankreichs ein jähes Ende fand. Dass sich die Spuren der beiden einmal kreuzen sollten, das war zu Beginn der Forschungsarbeiten des Tauchers und Unterwasserarchäologen Lino von Gartzen nicht abzusehen. Zumindest nicht, als der 35-Jährige sich im April 2005 auf die Suche nach einer Junkers Ju 88 machte. Die sollte – mit der damals neuesten Version des Bord­radars ausgestattet – vor der Küste von Marseille abgestürzt sein. Grund genug, nach einem möglichen Wrack zu forschen.

Auf der Spurensuche nach der Absturzstelle wandte sich von Gartzen an einen Experten vor Ort, der sich schon mit der Ju 88 beschäftigt hatte: den Berufstaucher Luc Vanrell. »Gerade am Anfang eines Projekts, wenn man sieht, man hat keine Unterlagen mehr, dann kommt der Punkt: ›Jetzt komm i ned weiter‹.«, erzählt von Gartzen, der am Starnberger See lebt. »Wahnsinnig wichtig ist der Kontakt mit Leuten, sich ein Netzwerk zu knüpfen. Denn Informationen verteilen sich normalerweise auf mehrere Leute.« Vanrell wurde sofort hellhörig, als Lino von Gartzen auf die zweimotorige Junkers zu sprechen kam – der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Was die Koralle verriet

Luc Vanrell hatte vor einigen Jahren einen Coup gelandet, als er bei Tauchgängen einige Kilometer südöstlich vor der Küste Marseilles das Wrack von Saint-Exupéry entdeckte. Das Armband Exupérys – wie sich unschwer durch die Gravur erkennen ließ –, verheddert im Netz eines Fischers, gab 1998 den Hinweis, in dieser Gegend um die Île de Riou nach den Überresten der Lockheed P-38 Lightning zu suchen, mit der Antoine de Saint-Exupéry am 31. Juli 1944 von seinem Aufklärungsflug nicht mehr zurückkehrte (siehe auch FLUGZEUG CLASSIC 6/2008). Schließlich bezeugten Fotos, dass Saint-Exupéry dieses Armband auch wirklich getragen hatte. Und tatsächlich: Die Bergung einzelner Wrackteile und deren Seriennummer bewies im Jahr 2003 eindeutig, dass es sich um die P-38 F-5 des Erfolgsschriftstellers handeln musste.

Und noch etwas hatte Luc Vanrell in dem Trümmerfeld 56 Meter unter der Meeresoberfläche gefunden – rein zufällig, als er eine Gorgonie näher untersuchte. Er wusste, dass diese Mittelmeerkoralle normalerweise nicht auf sandigem Boden wächst. Und er hatte recht: Unter ihr verbarg sich ein Zwölf-Zylinder Motor, das Skoda-Symbol entlarvte ihn als einen Daimler-Benz Motor. Doch wie konnte der Motor eines deutschen Flugzeugs in dieses Trümmerfeld eines amerikanischen Wracks gelangen – etwa ein Zusammenstoß in der Luft?

Mit Spekulationen dieser Art würden sie nicht weiterkommen, das wusste Lino von Gartzen: »So lange man an einer Sache noch zweifelt, muss man weitermachen, weiterforschen. Denn was sicher erscheint, ist noch lange nicht sicher.« Letzteres hört sich zwar an wie die Beschreibung eines Horror-Streifens, steht aber bezeichnend für die gesamte Forschungsarbeit. Und die muss bodenständig bleiben, gerade wenn es gilt, neue Erkenntnisse an die (Wasser-) Oberfläche zu bringen. Deshalb tauchte von Gartzen ab: erst im Jahr 2005 zusammen mit Vanrell auf den Meeresboden, um den Daimler-Motor zu untersuchen und im Jahr darauf auch zu bergen; außerdem in die Firmen-Archive, um alle verfügbaren Informationen über die Herkunft des Motors in Erfahrung zu bringen. Denn vielleicht könnte sich dahinter eine Spur zur Absturzursache von Saint-Exupéry verbergen.

Generell kann man sagen, dass das Wrack eines abgestürzten Flugzeuges in erster Linie am wichtigsten ist. Vergleichbar mit der Obduktion in einem Kriminalfall: Schließlich beweist allein die Existenz des Flugzeugwracks schon ein Ereignis wie einen Absturz. Im Falle der P-38 heißt das: So, wie die Wrackteile aussehen, muss die Maschine senkrecht und mit hoher Geschwindigkeit ins Meer gestürzt sein. Schon diese Tatsache spricht bei dem zweimotorigen Aufklärer mit seinem betagten, aber sehr erfahrenen Piloten viel mehr für einen Abschuss, als einen technischen Defekt. Aber wie passte der DB-Motor in dieses Puzzle?

Anhand der unter Wasser gefundenen Seriennummer eines Bauteils konnte Lino von Gartzen den Motor zunächst laut einer Teileliste als DB-601-E-Modell identifizieren. Erst dessen eingehende Untersuchung beim Werftverein Unterschleißheim, bei der er quasi seziert wurde, ergab: Genau dieser Motor musste in einer modernisierten Messerschmitt Bf 109 F-4 montiert worden sein, die zwischen Anfang 1943 und Mitte 1944 in Südfrankreich ihre Einsätze geflogen ist, bis sie im Mittelmeer verschwand. Weil die einzelnen Teile des Motors eher an Flickschusterei erinnerten denn an eine einheitliche Ausstattung, legte das die Vermutung nahe, dass diese »109« bei der Jagdgruppe Süd in der Provence flog – einer Einheit, die eher betagte Maschinen flog und diese mit allen Mitteln modernisierte, um sie auch weiterhin flugfähig zu halten. Allerdings wurde die Einheit Juni 1944 durch die Jagdgruppe 200 abgelöst. Antoine de Saint-Exupéry stürzte erst am 31. Juli 1944 ab. Höchstwahrscheinlich hatte der DB 601 – obwohl er in unmittelbarer Nähe des Trümmerfelds lag – also nichts mit dem Wrack der P-38 von Saint-Exupéry zu tun. Doch so schnell wollte von Gartzen noch nicht aufgeben. Dass er nicht locker ließ, sollte sein Glück sein zur Lösung des Rätsels um den Absturzort Saint-Exupérys

Kollidierte die Bf 109 mit der P-38?

Lino von Gartzen forschte im Freiburger Militärarchiv nach, denn er hatte einen Hinweis: Zwei Flugzeuge des Typs Bf 109 F-4 galten im Raum Marseille während des Zweiten Weltkriegs als vermisst. Eine Maschine schied aus: Absturz möglicherweise während Luftkämpfe im Landesinneren nördlich von Marseille. Übrig blieb die Messerschmitt, die Alexis Prinz zu Bentheim steuerte. Vom Versuch, einen US-Angriff auf Marseille abzuwehren, sollte er am 2. Dezember 1943 nicht mehr zurückkehren beim. Erhaltene Dokumente ließen nur einen Schluss zu: Der DB 601 gehörte mit größter Wahrscheinlichkeit zur Messerschmitt des Prinzen Alexis zu Bentheim. Fast sieben Monate lag er schon an derselben Stelle, an der Saint-Exupérys Maschine landen sollte. Und selbst falls der Motor von einer anderen Maschine stammen sollte, ein Zusammenhang mit dem Absturz der P-38 war nahezu ausgeschlossen.

Doch Lino von Gartzen wollte noch mehr über Alexis zu Bentheim und dessen »Rote 12« erfahren, wollte Zeitzeugen befragen: »Zeitzeugen sind für uns besonders wichtig, denn sie dokumentieren Ereignisse, die offiziell gar nicht oder anders festgehalten wurden.« Und was sich besonders im Fall des Prinzen zu Bentheim herauskristallisierte: »Gerade im Fall von den in Südfrankreich stationierten Jagdfliegern gibt es nahezu keine Unterlagen, daher ergänzen diese Berichte sehr gut das Gesamtbild.« Eine Schwäche haben die subjektiv gefärbten Erinnerungen allerdings: »Wichtig ist die Übereinstimmung mit anderen bekannten Informationen oder der Abgleich mit anderen, unabhängigen Zeugenaussagen.«

Und gerade weil über die Jagdgruppe 200 und die Luftnachrichtenabteilungen in Südfrankreich auch für den Zeitraum von Saint-Exupérys Verschwinden keine aussagekräftigen Dokumente wie Kriegstagebücher vorhanden waren, griff von Gartzen zum Hörer. Ziel der über 1000 Telefonate: möglichst viel über die Jagdgruppen Süd und 200 zu erfahren.

Am 20. Juli 2006 dann der Wendepunkt, der auf einen Schlag die gesamte Geschichte gehörig durcheinanderwirbelte, als Horst Rippert, ehemaliger Jagdflieger, von Gartzen bei der Telefonrecherche mit den Worten unterbrach: »Da brauchen Sie ja nicht weiter zu forschen. Den Exupéry, den habe ich abgeschossen.«

Ein Geständnis, dazu ein ausführliches Interview mit Rippert über den Abschuss am 31. Juli sind aber noch lange kein Grund, in Euphorie zu verfallen, jetzt auf einen Schlag den Mythos um den Absturz von Antoine de Saint-Exupéry aufgeklärt zu haben: »Hätten wir gleich der Presse gesagt ›wir haben den gefunden‹, dann hätten sie uns bestimmt in der Luft zerrissen«, erläutert von Gartzen die Gründe, weshalb er dieses Gespräch nicht sofort publik machen wollte, sondern zwei Jahre schwieg. Skepsis war geboten: »Man muss sich selbst zu 100 Prozent sicher sein, denn gerade im Fall Exupéry gab es vor unserer Forschung schon genug ›Enten‹.«

Wie also prüfen, was an Ripperts gewagter Behauptung dran ist? Zunächst wäre da einmal das Wrack selbst: Wie gesagt musste es bei der P-38 vor der Île de Riou ein Absturz senkrecht ins Wasser gewesen sein. Dass es sich um die Lightning Saint-Exupérys handelt, darauf lassen sowohl das Armband schließen, die Seriennummer der Wrackteile sowie Dokumente, die belegen, dass dieses zu Saint-Exupérys Einsatzgebieten zählte. Schwieriger wird es schon bei den Dokumenten, die den Abschuss belegen könnten – denn Rippert hat keine Zeugen, die ihm den Abschuss bestätigen könnten. Zentral in Berlin wurden während dieses Zeitraums Abschusserkennungen erfasst. Doch es herrscht Fehlanzeige, was den 31. Juli 1944 betriftt.

Weder ist ein anerkannter Abschuss registriert, noch gibt es in deutschen Archiven Anhaltspunkte dafür, dass deutsche Jagdflieger an besagtem Tag in diesem Luftraum aktiv waren.

Während Historiker aus diesen Tatsachen bislang folgerten, dass »keine Aktivität« automatisch »kein Abschuss« bedeutete, muss das nichts heißen, wie Lino von Gartzen entdeckte: »Unsere Nachforschungen in ausländischen Dokumenten haben ergeben, dass nicht nur von intensiven Aktivitäten alliierter Aufklärer und Jagdflieger berichtet wurde, sondern auch mindestens drei Einsätze der Jagdgruppe 200 am Vormittag des 31. Juli gemeldet wurden.« Ein französischer Bericht nannte auch die Sichtung deutscher Jäger, passend zur Uhrzeit an der Absturzstelle – und genau das wird durch britische Quellen wiederum rückbestätigt.

Noch mehr Indizien

Die Faktenlage ist eindeutig: So ließen sich die Angaben über die Sichtung der P-38 durch die Radarstation Falter und die anschließende Alarmierung der deutschen Jagdflieger durch französische Aufzeichnungen überprüfen. Außerdem berichteten weitere Augenzeugen vom seltsamen, »pendelnden« Flugverhalten – das deckt sich mit Ripperts Aussage. Die in einem Notizbuch eines Offiziers vermerkte Meldung »Abschuss 1 Aufklärer brennend über See« wurde bereits 1948 bekannt. Von Gartzens Nachforschungen ergaben, dass zumindest die in dem Bericht genannten Dienststellen und Tarnnamen korrekt sind und dem Meldeweg entsprochen haben. Allerdings sind Dokumente, die das untermauern könnten, nicht mehr vorhanden. Und noch mehr Indizien führen die Forscher um von Gartzen an: Die P-38 und ihr Kurs Richtung Küste waren gemeldet. Eine zweite, unabhängige Aussage eines weiteren deutschen Offiziers von 1964 bestätigt den Abschuss eines Aufklärers. Zudem berichtet er von einem Piloten, der versuchte hatte, Zeugen für seinen Abschuss zu ermitteln, um ihn anerkannt zu bekommen.

Mehr noch, alle Aussagen Horst Ripperts, der detailliert über die Ereignisse dieses Tages berichtet, stimmen mit den anderen Informationen überein: Die Meldung über alliierte Aktivitäten um Toulon und Marseille, Startbefehl in Reaktion darauf, Ort und Zeitpunkt des Abschusses, das seltsames Flugverhalten der P-38, die Meldung des Abschusses und der Flug alleine zurück. Freilich, diese Indizien können nicht darüber hinwegtäuschen, dass vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet der Abschuss Saint-Exupérys noch nicht restlos aufgeklärt wurde, auch wenn alle Fakten darauf hindeuten. Aber eines beweist diese Geschichte: Nämlich welchen Erfolg eine Untersuchung hat, bei der akribisch allen Spuren nachgegangen wird und man über Umwege doch noch zur Lösung eines großen Rätsels gelangt.

Text: Aurel Butz/Lino von Gartzen

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