Ein Münchner am Himmel

In den Annalen der Luftfahrt hat sich sein Name nicht allzu tief eingeprägt, denn seine Karriere als Aviatiker währte nur wenige Monate. Ein Umstand jedoch verdient in Erinnerung behalten zu werden: Thaddäus Robl ist das erste Todesopfer des deutschen Motorflugs. Von Stefan Bartmann

Der 18. Juni 1910. Ein Exerzierfeld bei Stettin in Westpommern. Der erste Tag der Stettiner Flugwoche ist nicht eben vom Wetter begünstigt. Heftige Böen zerren an den leichtgewichtigen Flugapparaten und halten die Aviatiker am Boden. Einer wagt am Abend dennoch den Start ... Es wird ein kurzer, dramatischer Flug. Zurück bleibt ein wüster Trümmerhaufen aus zersplitterten Holzholmen, Leinwandfetzen und Spanndrähten, kaum noch als Flugzeug zu erkennen. Der Pilot hatte keine Chance.
Erst wenige Monate zuvor war der Münchner Sportsmann Thaddäus »Thaddy« Robl, Jahrgang 1877, vom Fahrrad ins Flugzeug gewechselt. Der populäre Weltrekordler – ein Jahrzehnt lang galt er als erfolgreichster deutscher Radrennfahrer – aus der Nähe von Garmisch in Oberbayern ist ein früher Star des Radsports: elegant, humorvoll und stets von Freunden und Freundinnen umringt. In seiner besten Zeit zwischen 1901 und 1906 warf der »König der Dauerfahrer« schon mal Geldstücke in die jubelnde Menge, heißt es.
Im Herbst 1909 liest man, dass Robl an den Steuerknüppel umsatteln werde – nach zahlreichen Stürzen mit ungezählten Verletzungen. Der Wechsel des 33-Jährigen zur blutjungen Motorfliegerei mit ihren hoch dotierten Wettbewerben ist nur konsequent, trotz der Unausgereiftheit von Fluggeräten und Motoren. Noch ging ja alles glimpflich ab. In Reims 1909, der ersten Flugwoche der Welt, war es bei ein paar zertrümmerten Flugapparaten geblieben. Und das erste Todesopfer des Motorflugs, Leutnant Selfridge, 1908 in Fort Myers, Florida, war lediglich Orville Wrights Passagier gewesen …
Bei der »Akademie für Aviatik« in Puchheim bei München wird Thaddäus Robl Mitglied. In Johannisthal, dem berühmtesten deutschen Flugfeld vor dem Ersten Weltkrieg, macht er seine ersten Sprünge. Er schult bei der »Flugmaschine Wright GmbH« in Adlershof, der abgeschiedenen südöstlichen Ecke des großes Flugplatzes. Doch der instabile Wright-Doppeldecker mit seinem sensiblen, vorgelagerten Höhenruder gilt als nicht leicht zu beherrschen.
Unter diesen Eindrücken reist Robl ins elsässische Mühlhausen, wo der exzentrische Wettbewerbspilot Emil Jeannin einen eigenen Flugzeugbau samt Fliegerschule etabliert hat. Dort baut Jeannins »Automobil- und Aviatik A.G.« den französischen Farman-Doppeldecker in Lizenz, eines der klassischen Modelle des europäischen Motorflugs. Auf dem Flugfeld Habsheim setzt Robl seine Ausbildung fort; ein talentierter Flugschüler. Bald ist er so weit, dass er einen Rundflug über die Rennstrecke Colmar wagen kann.
Ein »Flugzeugführerzeugnis«, das der Deutsche Luftschiffer Verband seit Februar 1910 ausstellt, hat er nicht mehr erhalten; erst neun Tage vor seinem letzten Flug war Robl in Habsheim zur Pilotenprüfung angetreten. Eine Lizenz ist seinerzeit nicht erforderlich, um öffentlich fliegen zu dürfen. Erst nach Robls Absturz wird diese Forderung laut.
Schauflüge sind in diesen frühen Aviatik-Jahren eine knallharte Angelegenheit. Es kommt vor, dass das ungeduldige Publikum aufs Flugfeld schwemmt, während die Aviatiker noch auf ein Abflauen des Windes warten oder die Mechaniker an den launenhaften Motoren herumfingern. Unter ähnlichen Umständen beginnt die Stettiner Flugwoche.

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Thaddäus Robl (Fotos Bildsammlung Martin Schreck und Walter Lemke)
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