"No.15" erfreut Großbritannien

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PFIFFIGER PIONIER

Die Bespannung wird nicht nur durch den Leim auf den Rippen gehalten. Hauptsächlich wird diese Aufgabe von parallel aufgenagelten halbrunden Leisten übernommen. Ungezählte Meter des zarten Materials wurden so verarbeitet. Es folgte das manuelle Vernähen der Endkante.

Otto Lilienthal hatte seine Gleiter so pfiffig konstruiert, dass man draußen auf freiem Feld – also dem berühmten Berliner »Fliegeberg« oder den Rhinower Bergen bei Stölln, wo sich sein Schicksal erfüllte – kein Werkzeug benötigt, um sie aufzurüsten.

Ausschließlich Steckverbindungen, Draht - ösen, Schäkel und Stifte halten den Apparat zusammen. So hatte sich der idealistisch gesinnte Pionier den »Fliegesport« vorgestellt, den »persönlichen Kunstflug«, wie er schrieb. Erst spät war Lilienthal beim Doppeldecker angelangt – hauptsächlich aus Gründen leichterer Handhabung und besserer Flug - stabilität. Er hatte die Grenzen der Gewichtsverlagerung erkannt.

Mit einer zweiten Tragfläche wollte er das Problem lösen, ohne auf Flügelfläche verzichten zu müssen.

NO.15 BLIEB UNGEFLOGEN

Die No. 13 wurde sein erster Doppeldecker. Die folgende No. 14 war der größte. Als vernünftiger Kompromiss stellte sich die No. 15 mit achtzehn Quadratmeter Flügelfläche heraus. Das untere Tragdeck entsprach dem sogenannten Sturmflügelmodell No. 10, einem kleinen Eindecker für »Flüge bei starkem Winde«, dessen Original heute das Technische Museum in Wien präsentieren kann.

Mitte 2012 war Carsten Brinkmeiers Apparat fertig und konnte im Freien aufgerüstet werden. Seine No. 15 ist knapp 30 Kilo schwer, was etwa dem Original entspricht. Schon nach wenigen vorsichtigen Laufübungen gegen den Wind stellte er die »Flugerprobung « ein. »Ich wollte den Vogel unbeschädigt an die Engländer übergeben«.

Eigentlich schade, denn für ein paar Sprünge wäre der Nachbau allemal tauglich gewesen. Schon in der 1970er-Jahren bewies Michael Platzer auf der Wasserkuppe, dass er seinen Lilienthal-Doppeldecker nicht nur zum Begaffen gebaut hatte. Für die deutschfranzösische TV-Serie »Die Grashüpfer« hatte er zwei Gleiter fachmännisch nachgefertigt und selbst geflogen.

Mitte November 2013 kam Brinkmeiers No. 15 nach Großbritannien und wurde in einer zugigen Halle des Oldie-Flugplatzes Old Warden montiert. Die beschenkten Briten wollen das Objekt so greifbar nah präsentieren, dass sich die Betrachter einen Eindruck von den handwerklichen Anfängen des Flugzeugbaus machen können.

An einem separaten Rumpfgestell dürfen sich gelenkige Besucher austoben und nachempfinden, wie sich der deutsche Flugpionier bei seinen kühnen Flugversuchen vor fast 120 Jahren gefühlt haben mag.

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"No.15" erfreut Großbritannien - TEXT: Stefan Bartmann
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