"No.15" erfreut Großbritannien

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QUALITÄTSARBEIT

Etwas Ähnliches, in bescheidenerem Rahmen, ist nun Carsten Brinkmeier aus Weinheim bei Mannheim gelungen. Viel länger als geplant hat er an seinem »Kleinen Doppeldecker« gebaut und getüftelt. Kaum war der Apparat fertig, verschenkte er ihn im vergangenen Herbst an die Shuttleworth Collection, wo man das Angebot gerne annahm.

Ein paar Fotos hatten genügt, um die Briten von der Qualität seiner Arbeit zu überzeugen. Lilienthals leichte, elegante Flugapparate sehen so simpel aus, dass selbst erfahrene Hand- und Heimwerker sich daran verschätzen, wenn es um den Bauaufwand geht. Das fängt schon bei der Materialbeschaffung an.

Schön gerade gewachsene Weidenruten in der benötigten Stärke und Länge zu organisieren, ist heute nicht mehr so einfach. Brinkmeier musste lange suchen, ehe er einen Betrieb fand, der das begehrte Material in eigener Pflanzung anbaut. Ihm blieb die Aufgabe des Schälens.

Auch Bambus wird gebraucht – für die beiden Flächenstiele und den Leitwerksträger. Für das rundliche Leitwerk werden die Ruten in Heißwasser oder Dampf aufgeweicht und in eine entsprechende Form gespannt. Das charakteristische Gestellkreuz besteht aus Kiefer.

Es ist die massivste Komponente, in die sich der Pilot klammern muss. Die Unterarme werden durch halbrunde Manschetten aus Sperrholz gesteckt, die Hände packen einen Querträger am Rahmen, während der ganze Unterkörper frei pendelt und den Gleiter per Gewichtsverlagerung steuert.

Der Weinheimer kann auf keine praktischen Flugerfahrungen mit Hängegleitern zurückgreifen. Er hat Sozialwissenschaften studiert und war schon ganz früh in der Solartechnik aktiv. Irgendwann reichte sein Wissen zur Gründung einer eigenen Firma.

Sein »Lilienthal-Projekt« ist reine Liebhaberei und er näherte sich ihm auf systematische Art: erst mal rein theoretisch. Von den insgesamt rund 600 Baustunden, die es unterm Strich wurden, ging etwa ein Drittel für die Vorarbeiten drauf.

Im Jahr 2007 fragte er beim Deutschen Museum um Informationen zum »Kleinen Doppeldecker « an. Dort hat man bekanntlich ein Herz für ambitionierte Enthusiasten, die es ernst meinen, und so durfte der Weinheimer der DM-eigenen No. 15 (ebenfalls ein Nachbau) einen Tag lang mit Zollstock und Messschieber zu Leibe rücken.

Eigens für diesen Zweck hatten die Museumsleute den Apparat von der Decke herabgelassen! Im Jahr darauf begann die praktische Umsetzung. Eilig war es Brinkmeier damit nicht. Darum konnte er es sich erlauben, alles ganz genau zu machen.

Manches bedurfte konstruktiver Eigenüberlegung – etwa die »Blechhütchen «, welche das Oberdeck mit den Stielen verbinden. Eine wacklige Angelegenheit, wie der Erbauer befand. Es dauerte eine Weile, bis er begriffen hatte, dass vor allem die Verspannung aus starker Schnur das obere Tragdeck ausreichend in Position hält.

Eine Helling, die das Tragflächengerüst fixiert, half beim faltenfreien Bespannen mit dicht gewebtem Baumwolltuch und dem Aufbringen der sogenannten Profilschienen. Letztere werden durch Führungen aus Stahlblech auf die Flügelrippen geschoben und definieren somit die Wölbung. Jeder einzelne Beschlag musste individuell für jede Rippe hergestellt werden; eine nervtötende Angelegenheit, erinnert sich Brinkmeier.

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"No.15" erfreut Großbritannien - TEXT: Stefan Bartmann
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