Getarnter Heinkel-Bomber

Die Berliner Tageszeitung »BZ am Mittag« war schon immer luftfahrtfreundlich gewesen. Bereits 1911 und nochmals 1925 hatte sie den »BZ Preis der Lüfte« gestiftet. Später entschloss sie sich, ihren Lesern in den Ferien an der Ostsee täglich ihre Zeitung mit dem Flugzeug zuzustellen. Die dafür entwickelten Flugzeuge sollten aber noch ganz anderen Zwecken dienen. Von Peter W. Cohausz

Im Jahr 1926 wurden dafür zwei Doppeldecker Albatros L 72 und ein Doppeldecker Heinkel HD 39 jeweils mit auffallenden Lackierungen in Tempelhof in Dienst gestellt. Die Heinkel hatte im Laderaum eine Abwurfvorrichtung für zehn Zeitungspakete, die wahlweise einzeln abgeworfen werden konnten. Bereits nach einem Jahr hatte die Maschine 100 000 Streckenkilometer unfallfrei zurückgelegt. Die guten Erfahrungen führten zum Auftrag eines Spezialflugzeugs, aus dem die größere Heinkel HD 40 hervorging. Der Doppeldecker mit einem 600-PS-BMW-VI hatte einen stoffbespannten Stahl - rohrrumpf und gestaffelte Holztragflächen mit einem N-Stiel. Die vierbis sechssitzige Kabine konnte auch als Frachtraum genutzt werden. Unter dem Führerraum befand sich die Abwurfvorrichtung für Zeitungspakete. Doch der Auftrag für den Bau eines Zeitungsflugzeugs war nur die offizielle Fassung und diente als Tarnung für die Nutzung als Behelfs- Nachtbomber. Zwei HD 40 hatte die Ullstein AG (Berliner Zeitung) bestellt, doch die erste HD 40 ging bereits bei der Erprobung im Mai 1927 zu Bruch. Die zweite mit der auffälligen schwarz-gelben Bemalung und der Zulassung D-1200 überstand auch nur einen Monat Betrieb, ehe sie Ende Juli 1927 ebenfalls verloren ging. Die dritte HD 40 mit dem Kennzeichen D-1180 ging zur DVL und machte 1928 bei der Überführung in das geheime Erprobungszentrum Lipzek in der Sowjetunion Bruch, wurde aber wieder repariert. Erst 1933 meldete man sie ab. Insgesamt war die HD 40 doch ein Musterbeispiel für die damals in enger Zusammenarbeit zwischen Regierung, Reichswehr und Industrie bewusst betriebene Hintergehung des Versailler Vertrags. Belegt wird dies auch durch einen geheimen »Vorläufigen Arbeitsplan für Versuche ›Bomben‹ im Sommer 1930« der Reichswehr. Die HD 40 hatte ein geräumiges Cockpit mit einem Doppelsteuer. Die Instrumentierung entsprach dem damaligen Standard und war überwiegend links und in der Mitte des Instrumentenbretts angeordnet. Die Motorüberwachungsgeräte hatten noch die höchste Priorität und waren deshalb direkt vor dem links sitzenden Piloten eingebaut. Eine Blindflugausrüstung war nicht vorhanden. Besonders auffallend war der große Abwurfschaltkasten für 15 Einheiten in der Mitte des Instrumentenbretts.
PETER W. COHAUSZ 

Quellen Koos, V.: »Luftfahrt zwischen Ostsee und Breitling«. Berlin 1990 Koos, V.: »Ernst Heinkel Flugzeugwerke 1922–1932«. Königswinter 2006 Lange, B.: »Das Buch der deutschen Luftfahrttechnik «. Mainz 1970 

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